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13.11.2019: Forschung international

Insektenrückgang weitreichender als vermutet

Recul des insectes plus étendu que supposé



Sebastian Seibold et al.

Auf vielen Flächen in Deutschland leben heute deutlich weniger Insektenarten als noch vor einem Jahrzehnt. Vom Artenschwund betroffen sind nicht nur Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden, sondern auch Waldgebiete.

De nombreuses surfaces en Allemagne abritent aujourd’hui beaucoup moins d’espèces d’insectes qu’il y a encore une décennie. Ce ne sont pas que les prairies situées dans un environnement agricole exploité intensivement qui sont affectées par cette disparition d’espèces, mais aussi les zones forestières.


Dass es auf deutschen Wiesen weniger zirpt, summt, kreucht und fleucht als noch vor 25 Jahren, haben bereits mehrere Studien gezeigt. Bisherige Studien konzentrierten sich aber entweder ausschliesslich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen.
Im Rahmen einer breit angelegten Biodiversitätsstudie hat nun ein Forschungsteam mit Schweizer Beteiligung zwischen 2008 und 2017 eine Vielzahl von Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg erfasst. Auf 300 Flächen wurden über eine Million Insekten gesammelt. Die Resultate zeigen, dass viele der fast 2700 Insektenarten rückläufig sind. Einige seltenere Arten wurden in den letzten Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden. Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen zählten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten.
Bisher war nicht klar, ob und wie stark auch der Wald vom Insektenrückgang betroffen ist. Das Team stellte fest, dass die Biomasse der Insekten in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen war. Im Grünland waren die Ergebnisse noch alarmierender: Am Ende des Untersuchungszeitraums hatte sich die Insektenbiomasse auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert. Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, hatten die Forschenden nicht erwartet – das sei erschreckend, passe aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen.
Betroffen sind alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die drei bis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder und sogar ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. Den grössten Schwund stellten die Forscherinnen und Forscher auf den Grünlandflächen fest, die von Ackerland umgeben sind. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage sind, grosse Distanzen zu überwinden. Im Wald hingegen schwanden vorwiegend jene Insektengruppen, die weitere Strecken zurücklegen. Ob mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, ist noch unklar.

Quelle: Technische Universität München


Keywords:
Insekten, Landwirtschaft, Wiesen, Wald, Schutzgebiete

Art der Publikation:
Fachpublikation

Literatur:
Seibold S., Gossner M.M., Simons N.K., Blüthgen N., Müller J., Ambarli D., Ammer C., Bauhus J., Fischer M., Habel J.C., Linsenmair K.E., Nauss T., Penone C., Prati D., Schall P., Schulze E.-D., Vogt J., Wöllauer S., Weisser W.W. (2019): Arthropod decline in grasslands and forests is associated with drivers at landscape level. Nature, 574(7780), 671-674
https://www.nature.com/articles/s41586-019-1684-3

Kontaktadresse:
Dr. Martin M. Gossner
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Zürcherstrasse 111
CH-8903 Birmensdorf

martin.gossner@wsl.ch
Tel: +41 (0)44 739 25 88


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