• 05.11.2018
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Ein Schritt zur biologischen Kriegsführung mit Insekten?

Blattlaus
Bild: Claudio Gratton, University of Wisconsin
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Blattlaus (Bild: Claudio Gratton, University of Wisconsin)

Ein Forschungsprogramm der Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums entwickelt neuartige Viren-basierten Pflanzenschutzmittel. Einige europäische Experten befürchten, dass dieselbe Technologie leicht zur Herstellung biologischer Waffen missbraucht werden könnte.

Während die erschreckende Wirkung von Chemiewaffen durch die bewaffneten Konflikte der Gegenwart in der öffentlichen Wahrnehmung präsent ist, sind biologische Waffen und ihre Wirkung weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden. Ein Forschungsprogramm der Forschungsbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums DARPA weckt nun die Befürchtung, dass Forschung zur biologischen Kriegsführung missbraucht werden könnte. In dem Projekt namens Insect Allies („Verbündete Insekten“) sollen Insekten als Transportmittel für Pflanzenviren dienen und diese auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen übertragen. Die Viren können das Erbgut der betroffenen Pflanzen mittels sogenannter Genomeditierung verändern. Auf diese Weise liessen sich bereits auf den Feldern wachsende Pflanzen wie Mais oder Tomaten schnell und in grossem Stil genetisch verändern. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön sowie der Universitäten Freiburg und Montpellier weisen im Fachmagazin Science darauf hin, dass ein solches System relativ leicht manipuliert und als biologische Waffe eingesetzt werden kann.

Die Forscher sehen in erster Linie den Einsatz von Insekten zur Verbreitung von Genmaterial kritisch, denn die Erkenntnisse aus dem Insect Allies-Programm können relativ leicht für die biologische Kriegsführung angepasst werden. „So könnten Gene beispielsweise funktionsuntüchtig gemacht werden – was in der Regel leichter ist als ihre Optimierung. Das Verfahren muss also nicht einmal weiterentwickelt werden, es reicht aus, es zu vereinfachen, um es als Waffe einsetzen können“, sagt Guy Reeves vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Angesichts dieser Einwände könnte das DARPA-Programm den Verdacht wecken, dass es nicht friedliche Zwecke zum Ziel hat. Dies könnte wiederum zur Folge haben, dass andere Länder selbst eigene Waffen auf diesem Gebiet entwickeln.

Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen

Für eine völkerrechtliche Bewertung ist entscheidend, ob ein biologisches Forschungsprogramm nur friedlichen Zwecken dient. So verbietet das Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen unter allen Umständen die Entwicklung, Produktion oder den Erwerb von Agenzien und Toxinen von Arten und in Mengen, „die nicht durch Vorbeugungs-, Schutz- oder sonstige friedliche Zwecke gerechtfertigt sind“. Die Autoren argumentieren, dass es sich bei den zum Übertragen der Viren verwendeten Insekten um verbotene Einsatzmittel im Sinne des Übereinkommens handelt.

In einer öffentlichen Stellungnahme widerspricht der DARPA-Programmdirektor Blake Bextine dieser Einschätzung: Für die DARPA stellt eine stabile Landwirtschaft ein wichtiges, oft unterschätztes Element der nationalen Sicherheit dar. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, neue technologische Möglichkeiten zu entwickeln, um die Landwirtschaft vor Bedrohungen jeglicher Art zu schützen. Dazu gehören feindliche Angriffe, aber auch Pflanzenschädlinge und -krankheiten und Naturgefahren wie Dürren oder Überschwemmungen. Darüber hinaus ist die DARPA dazu beauftragt, fundamental neue, revolutionäre Technologien zu erkunden und zu entwickeln. Ein wichtiger Bestandteil der DARPA-Programme sind Machbarkeitsstudien sowie die Reduzierung von Risiken neuer Technologien. Für das Insect Allies-Programm sind Versuche in grossen, gesicherten Gewächshäusern geplant. Das Programm unterstützt hingegen keine Freisetzungsversuche.

Fehlende öffentliche Debatte?

Den Wissenschaftlern aus Plön, Freiburg und Montpellier zufolge wäre auf jeden Fall eine breite gesellschaftliche, wissenschaftliche und rechtliche Debatte dringend angebracht.

«Trotz vereinzelter Pressemitteilungen der DARPA und der am Programm beteiligten Konsortien gibt es bislang so gut wie keine öffentliche Diskussion über den Sinn und die möglichen Konsequenzen dieser Technik. Selbst in Fachkreisen ist das Programm weitgehend unbekannt», sagt Reeves.

Quellen:

Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft vom 4. Oktober 2018 (angepasst und ergänzt)

Bextine (2018) Statement from Dr. Blake Bextine, DARPA Program Manager for Insect Allies Link

Weitere Informationen:

Reeves et al. (2018) Agricultural research, or a new bioweapon system? Link

DARPA News (2016) DARPA enlists insects to protect agricultural food supply Link

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