• 04.06.2019
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«Jetzt, da Sie die Unterstützung haben, sollten Sie auch mehr erreichen können!»

Klimaaktivist Jan Zumoberhaus am Anlass «Decarb science! But how?»

Carbon Footprint Science
Bild: Hansjakob Fehr, 1kilo / Horizonte SNF
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Carbon Footprint Science
Carbon Footprint Science (Bild: Hansjakob Fehr, 1kilo / Horizonte SNF)

Wie lässt sich der Ausstoss von Treibhausgasen reduzieren, der durch berufsbedingte Reisen von Forschenden und vor allem solche per Flugzeug verursacht wird? Mit dieser Frage befasste sich die Tagung «Decarb science! But how?», die am Vormittag des 24. Mai vor der Delegiertenversammlung der SCNAT auf dem Programm stand. Damit verbunden ist eine kolossale Herausforderung, die einen Wandel der Wissenschaftskultur erfordert. Es wird definitiv keine einfachen Lösungen geben, gefragt sind vielmehr kreative und differenzierte Ansätze.

«Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss den Mut haben, sich selbst den Spiegel vorzuhalten», so die klare Ansage von Marcel Tanner, Präsident der Akademie der Naturwissenschaften der Schweiz, zum Auftakt der Tagung. Das Wettbewerbsdenken und die rasch voranschreitende Globalisierung der Wissenschaft generieren zu viele Emissionen. Ein Paradox in einem Umfeld, das doch eigentlich Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel vorschlagen und entwickeln soll!

Tatsächlich liegt der ökologische Fussabdruck der Forschenden deutlich über dem Durchschnitt, wenn man die vielen Flugreisen bedenkt, die unternommen werden, um an Kolloquien oder Preisverleihungen teilzunehmen, eigene Arbeiten vorzustellen oder sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Früher galt, je mehr man mit dem Flugzeug reiste, desto mehr wurde man als wichtige Person betrachtet. Heute sei man aber glaubwürdiger, wenn man die Zahl der Flugreisen reduziere, erklärte Ulrich Weidmann, Vize-Präsident für Personal und Ressourcen an der ETH Zürich. Die Zahlen zu seiner Hochschule, die er dann vorlegte, sind eindrücklich: Über die Hälfte aller CO2-Emissionen sind Dienstreisen zuzuschreiben, 93 % davon Reisen per Flugzeug.

Angesichts dieser Fakten entschloss sich 2016 eine Gruppe von Studierenden, aktiv zu werden und eine Kampagne zu starten. Das Ergebnis: Die ETH hat sich unterdessen das offizielle Ziel gesetzt, ihre Treibhausgasemissionen bis 2025 um 11 % zu vermindern. Interessanterweise gab es bereits einige Zeit vor der Geburt dieser studentischen Bewegung eine «Top-down»-Strategie, die einen Paradigmenwechsel in den verschiedenen Departementen propagierte. Diese hatte jedoch kaum Früchte getragen. Was die konkreten Lösungen anbelangt, scheinen Videokonferenzen die wichtigste Alternative zum Reisen zu sein – eine «starke» Massnahme in einem Umfeld, in dem die Teilnahme an Konferenzen ein grosses Gewicht im Curriculum Vitae hat.

Ein wahrer Tsunami an gutem Willen dank der jungen Generation

Tatsächlich zeigten die verfügbaren Zahlen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen solchen Reisen und der wissenschaftlichen Leistung, erklärte Philippe Vollichard, Verantwortlicher für nachhaltige Entwicklung an der EPFL. « Dank dem Druck der jungen Klima-Aktivistinnen und ‑Aktivisten ist heute alles anders. Es gibt einen wahren Tsunami an gutem Willen. Das ist fantastisch!» Das Hauptziel des ETH-Campus in Lausanne – des grössten Stromkonsumenten im Kanton Waadt – lautet denn auch, bis 2020 CO2-neutral zu werden. Dabei setzt die EPFL vor allem auf ein internes Kompensationssystem und einen Mobilitätsfonds. «Die Ernsthaftigkeit des Problems sollte uns aber nicht daran hindern, auch Lösungen zu finden, die Spass machen, wie etwa die Initiative Bike to work», betonte Philippe Vollichard mit einem Lächeln.

Marie-Claire Graf, Studentin der Politikwissenschaften und Klima-Aktivistin, die zur Podiumsdiskussion eingeladen war, scheint diesen Optimismus nicht wirklich zu teilen: «Nachdem die Ergebnisse der an den Universitäten durchgeführten Forschungen vorliegen, bekommt man jeweils viele Versprechungen zu hören, aber die Realität sieht düsterer aus: Was heute tatsächlich unternommen wird, ist lächerlich im Verhältnis zum Ausmass des Problems.» Wie ernst die Lage ist, bestätigten die Aussagen der Klimatologin Martine Rebetez: «Wir sind noch weit von Netto-Null-Emissionen entfernt.» Für die Wissenschaftlerin, die sich seit langem für das Klima einsetzt, steht ausser Frage, dass viel mehr investiert werden muss – vor allem im Bereich der «transformativen» Forschung. Sie räumte aber auch ein, dass die Klimabewegungen die Denkweisen schon deutlich verändert hätten: «Vorher habe ich mich ein bisschen alleine gefühlt; heute spüre ich viel mehr Unterstützung.» Worauf Jan Zumoberhaus, Student der Humangeographie an der Universität Freiburg, sich an die Vertreterinnen und Vertreter der wissenschaftlichen Institutionen wandte: «Jetzt, da Sie die Unterstützung haben, sollten Sie auch mehr erreichen können!»

Auch das CERN sei sich der Problematik sehr bewusst und habe zahlreiche Initiativen zur Verminderung des Energieverbrauchs von Maschinen und Gebäuden lanciert, wie Serge Claudet, der Energieverantwortliche beim CERN, betonte. Zudem wird gegenwärtig ein offizieller Umweltbericht erarbeitet, der unter anderem die Verpflichtung umfasst, die Treibhausgasemissionen in den nächsten 5 Jahren um über 30 % zu senken (wobei die Massnahmen bei den Detektoren am meisten bringen sollten). Heute verschlingen die einzigartigen Maschinen im CERN noch sehr viel Energie: Das grösste Forschungszentrum der Teilchenphysik der Welt ist der grösste Energieverbraucher im Kanton Genf.

Zirkuläres statt Silodenken

Das Publikum beteiligte sich aktiv an der Debatte – ein Zeichen dafür, dass das Thema weitgehend mit den realen und aktuellen Anliegen der anwesenden Forschenden übereinstimmte. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, ob die Nachhaltigkeit bei der Vergabe von Stipendien und allgemein bei Gesuchen um Unterstützungsbeiträge als Kriterium berücksichtigt werden soll. Generell sei festzustellen, dass trotz der Bemühungen zur Einführung diesbezüglicher Massnahmen die meisten Forschungen aktuell noch nicht «nachhaltig» seien, bedauerte Marcel Tanner.

Eine andere Frage aus dem Publikum lautete, ob vor allem mit persönlichen oder mit «Top-down»-Initiativen darauf hingearbeitet werden solle, einen echten Wandel herbeizuführen. Ulrich Weidmanns Antwort darauf war klar: Das eine schliesse das andere nicht aus; alles sei eine Frage des Gleichgewichts und der Kohärenz. Und Marie-Claire Graf bekräftigte: «Alle Sektoren der Gesellschaft – Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und so weiter – müssen bereit sein, rasch einen grundlegenden Wandel einzuleiten. Es braucht ein zirkuläres und kein Silodenken.»

Die an der Tagung vertretenen Institutionen erklärten, sie seien dank dem von den Jungen ausgerufenen Klimastreik ehrgeiziger, entschlossener und zuversichtlicher geworden, was die wahre Dynamik und das unglaubliche Reservoir an Ideen betreffe. Allerdings waren sie sich auch alle einig, dass Flugreisen unvermeidlich sind und auch bleiben werden. In Zukunft solle die Regel aber lauten, einerseits den Zug vorzuziehen und andererseits soweit wie möglich auf lokales Personal zurückzugreifen.

Und abschliessend mahnte Marcel Tanner: «Es ist höchste Zeit, grundlegend über die Wissenschaftskultur nachzudenken, Effizienz mit Nüchternheit zu verbinden und sich auf die wahren Probleme der Gesellschaft zu konzentrieren.»

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Decarb science! But how?

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Wissenschaft muss den eigenen CO₂-Ausstoss drosseln
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Wissenschaft muss den eigenen CO₂-Ausstoss drosseln

Forschende fliegen rege um die Welt, um sich an Konferenzen auszutauschen. Oft ohne gross an das Klima zu denken. Das kann sich ändern, wie verschiedene Nachhaltigkeitsinitiativen aus der Wissenschaft zeigen.

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