• 28.03.2019
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Welche Grossanlagen braucht die Schweizer Forschung?

Jürg Pfister, Generalsekretär der SCNAT
Bild: Andres Jordi, SCNAT
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Jürg Pfister, Generalsekretär der SCNAT
Jürg Pfister, Generalsekretär der SCNAT (Bild: Andres Jordi, SCNAT)

Der Bund hat die Akademien der Wissenschaften Schweiz beauftragt, für die verschiedenen naturwissenschaftlichen Fachbereiche Roadmaps für Forschungsinfrastrukturen zu erarbeiten. Die Roadmaps dienen als Entscheidungsgrundlage dafür, welche finanzintensiven Forschungsanlagen der Bund in der Periode 2025 bis 2028 fördern soll. Das neue Vorgehen sei für die Wissenschaft eine Chance, breiter mitbestimmen zu können, sagt Jürg Pfister, Generalsekretär der SCNAT, die innerhalb der Akademien für die Umsetzung verantwortlich ist.

Warum braucht es Roadmaps für Forschungsinfrastrukturen?

Nationale und internationale Grossanlagen wie die Teilchenbeschleuniger am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen oder am CERN in Genf sind für den Forschungsstandort Schweiz von grösster Wichtigkeit. Sie ermöglichen es hiesigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, an der Weltspitze zu forschen. Anlagen in der Schweiz machen das Land für ausländische Forschende attraktiv und fördern die internationale Vernetzung. Um dieses hervorragende Umfeld zu erhalten und weil Aufbau und Unterhalt der Forschungsinfrastrukturen teuer sind, braucht es eine langfristige Planung und umfassende Entscheidungsgrundlagen. Dazu leisten die Roadmaps der einzelnen Fachbereiche einen wichtigen Beitrag.

Wie sieht diese Planung aus?

Die Verantwortung trägt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Es erarbeitet im Vierjahresrhythmus die sogenannte Schweizer Roadmap für Forschungsinfrastrukturen (FIS). Sie liefert eine Entscheidungsgrundlage für den Bund, in welche Forschungseinrichtungen von nationalem Interesse er investieren soll. Die Roadmap fliesst in die BFI-Botschaft ein, die der Bundesrat dem Parlament zur Genehmigung unterbreitet. Die Aktualisierung der Schweizer FIS-Roadmap für 2019 ist abgeschlossen und soll im Frühsommer veröffentlicht werden.

Mit dem Mandat an die SCNAT hat das SBFI bereits die Planung für die Roadmap 2023 angestossen. Die SCNAT soll aufzeigen, welche Forschungsinfrastrukturen in den einzelnen naturwissenschaftlichen Fachbereichen in Zukunft nötig sein werden, und sie aus wissenschaftlicher Sicht priorisieren. Das SBFI prüft diese Fachbereichs-Roadmaps zusammen mit weiteren Akteuren. Erst danach wird sich weisen, welche Forschungsinfrastrukturen in die Schweizer Roadmap 2023 und dann allenfalls in die BFI-Botschaft 2025–2028 aufgenommen werden.

Warum eignet sich die SCNAT für dieses Mandat?

Die Roadmap 2023 soll die Bedürfnisse der betroffenen Disziplinen gesamthaft abbilden und nicht nur jene einzelner Institutionen. Die SCNAT vertritt als nationale Netzwerkorganisation die naturwissenschaftliche Forschungsgemeinschaft. Sie ist also prädestiniert dafür, die betroffenen Akteurinnen und Akteure der jeweiligen Disziplinen zu mobilisieren. Wir verstehen uns dabei als neutrale Plattform, die unabhängig von den Forschungsinstitutionen agiert. Beim vorliegenden Mandat bilden wir die Brücke zwischen der Forschung und der Politik. Letztlich geht es um wissenschaftliche Früherkennung – eine der Aufgaben, die uns als Organisation zur Forschungsförderung gesetzlich übertragen wurde. Dass die SCNAT für die Fachbereiche Mathematik, Astronomie und Physik bereits seit 2011 erfolgreich einen Roadmap-Prozess etabliert hat und damit die Schweizer FIS-Roadmap alimentiert, ist sicher mit ein Grund, dass das SBFI uns mit diesem Mandat betraut hat.

Wie funktioniert dieser Prozess?

Die SCNAT-Plattform «Mathematik, Astronomie und Physik» (MAP) hat regelmässige Round-Table-Gespräche ins Leben gerufen, bei denen sich Forschungsvertreterinnen und -vertreter, das SBFI, der Schweizerische Nationalfonds und Trägerinstitutionen von Forschungsinfrastrukturen austauschen. Der Round-Table dient dazu, Bedürfnisse und deren Relevanz zu erfassen sowie Probleme frühzeitig zu erkennen. In diesem permanenten Dialog kristallisiert sich auch heraus, welche Fachgebiete spezifische Roadmaps benötigen. Im Bereich Mathematik, Astronomie und Physik sind dies bis jetzt zum Beispiel die Teilchenphysik, die Astronomie und die Physik kondensierter Materie. Die jeweilige Fachcommunity ist dann verantwortlich, dass eine entsprechende fachspezifische Roadmap erstellt wird.

Wo liegen die Vorteile eines solchen Vorgehens?

Einerseits werden der Bund und die betroffenen Institutionen früh für aufkommende Bedürfnisse sensibilisiert und können vorausschauend agieren. Andererseits eröffnet der Round-Table der Wissenschaftsgemeinschaft die Chance, die Planung und Realisierung von Forschungsinfrastrukturen mitzubestimmen. Zentral ist dabei die Priorisierung durch die Wissenschaft selber. Es soll nicht einfach eine Wunschliste entstehen, die sich sowieso nicht finanzieren lässt. Es geht vielmehr darum, sich darauf zu verständigen, welches aus wissenschaftlicher Sicht die wichtigsten nationalen und internationalen Forschungsinfrastrukturen sind, die ein Fachbereich benötigt. Das müssen die Fachcommunitys bei der Erstellung ihrer Roadmaps leisten. Nur sie können die wissenschaftliche Relevanz der Forschungsinfrastrukturen beurteilen. Ob sich das Vorgehen, das sich im Bereich Mathematik, Astronomie und Physik bewährt hat, auch für Disziplinen wie die Biologie, Geowissenschaften und Chemie eignet, muss sich zeigen.

Welche Herausforderungen gibt es hier?

Die Community im Bereich Mathematik, Astronomie und Physik ist sehr gut vernetzt und musste sich schon vor Jahrzehnten organisieren. Sonst wären Grossanlagen wie am CERN oder PSI nicht möglich gewesen. In der Biologie, den Geowissenschaften und der Chemie gibt es dagegen viele einzelne Forschungsgruppen, die in Konkurrenz zueinander liegen. Ein gemeinsames Einstehen für übergeordnete Anliegen sind sie sich weniger gewohnt, und es war bisher weniger nötig als etwa in der Teilchenphysik. Deshalb ist es eine Herausforderung, die diversen Stimmen zusammenzuführen. Es gilt nun, rasch die entscheidenden Akteurinnen und Akteure zu identifizieren, zu mobilisieren und an einen Tisch zu bringen. Die SCNAT-Plattformen Biologie, Geowissenschaften und Chemie mit ihren Verbindungen zu den Fachgesellschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. Ich bin überzeugt, dass uns dies gelingt. Erste Zeichen deuten darauf hin, dass die relevanten Stakeholder die Wichtigkeit und Chancen des Unterfangens erkennen und sich einbringen werden.

Wie sieht der zeitliche Fahrplan aus?

Der ist ziemlich sportlich. Eine Arbeitsgruppe der SCNAT mit Beteiligung der Plattformen MAP, Biologie, Chemie und Geowissenschaften ist daran, in den Forschungsnetzwerken zu sondieren. Den Vorsitz hat Professor Hans Rudolf Ott von der ETH Zürich. Er hat den Round-Table zur Mathematik, Astronomie und Physik aufgebaut. Es geht darum, die Fachbereiche und Personen einzubeziehen, für welche die besagten Forschungsinfrastrukturen ein Thema sind. Danach werden wo nötig für Teilbereiche, zum Beispiel für die Geowissenschaften, Round-Tables installiert und in diesen die Bedürfnisse der jeweiligen Fachcommunitys erörtert. Daraus erarbeiten die Fachcommunitys eigenständig ihre Roadmap-Vorschläge. Frühestens bis Ende 2020 müssen die ersten Entwürfe zuhanden des SBFI vorliegen.

Wie die Evaluierung und Konsolidierung dieser Inputs bis zum Vorliegen der Schweizer FIS-Roadmap 2023 weiter ablaufen, will das SBFI bis im Herbst 2019 bekannt geben. Es ist davon auszugehen, dass dem Schweizerischen Nationalfonds, dem ETH-Rat und Swissuniversities ebenfalls eine wichtige Rolle zukommen wird, etwa wenn es darum geht, die vorgeschlagenen Forschungsinfrastrukturen bezüglich Qualität und Machbarkeit zu beurteilen.

Interview: Andres Jordi, SCNAT

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