CERN-Podium

Grosser Nutzen, verpasste Chancen

Während der gemeinsamen Jahrestagung der Physikorganisationen CHIPP und SPS hat am 2. Juli an der Universität Fribourg ein prominent besetztes Podium über den 'Einfluss des CERN auf die Schweiz und ihre Gesellschaft' diskutiert. Die Debatte anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums des Europäischen Labors für Teilchenphysik (CERN) handelte von grossem Nutzen, aber auch von verpassten Chancen.

SPS-Präsident Andreas Schopper (l.) und CHIPP-Präsident Olivier Schneider.
Bild: Benedikt Vogel

Vor 60 Jahren riefen zwölf europäische Länder in Genf das Teilchenphysiklabor CERN ins Leben. Mit von der Partei bei der Gründung: die Schweiz, die die Forschungsorganisation bis heute zusammen mit Frankreich beherbergt. Seit 1954 sind die am CERN verwendeten Teilchenbeschleuniger immer grösser geworden. Grösser geworden ist auch die Familie der CERN-Mitglieder. Dieser umfasst heute 21 Staaten, und mit Israel gehört seit diesem Jahr auch ein Land dazu, das geografisch nicht zu Europa zählt. Und mit Rumänien und Serbien stehen bereits zwei weitere Neumitglieder vor der Tür.

Das CERN hat also seit seiner Gründung keineswegs an Attraktivität verloren. Die Forschungsinstitution zieht bei ihrem 60. Geburtstag nicht nur die Aufmerksamkeit von über 10000 Wissenschaftlern auf sich, die hier Elementarteilchen erforschen, sondern sie fasziniert auch die breite Öffentlichkeit. Weltweit ebenso wie in der Schweiz. Diese Faszination ist gewiss die naheliegendste Antwort, wenn man – wie CHIPP und SPS bei ihrer Jubiläumsveranstaltung in Fribourg – nach dem 'Einfluss des CERN auf die Schweiz und ihre Gesellschaft' fragt. Die Schweizerische Physikalische Gesellschaft (SPS) und das Swiss Institute of Particle Physics (CHIPP) sind zwei wichtige Physikorganisationen der Schweiz.

„Trainingslager für Ingenieure und Wissenschaftler“

SPS-Präsident Andreas Schopper und CHIPP-Vorsitzender Olivier Schneider konnten an der Saane CERN-Generaldirektor Rolf Heuer als Keynote-Speaker begrüssen. Dieser stellte die von ihm geleitete Organisation mit ihren 2300 Angestellten als ein „phantastisches Trainingslager für Ingenieure und Wissenschaftler“ vor. Das CERN als Nachwuchsschmiede – das konnte Heuer auch mit einer prägnanten Zahl belegen: Unter den am CERN tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist kein Jahrgang stärker vertreten als die 26jährigen.

„Wir sind europäisch gestartet, heute aber sind wir global“, führte Heuer aus und warf einen Blick zurück in die Geschichte. Zu den Gründern des CERN gehörte der französische Diplomat François de Rose. Dieser stattete dem CERN im Jahr 2012, nachdem dort das Higgs-Teilchen entdeckt worden war, einen Besuch ab. Dort wurde der 102 Jahre alte CERN-Gründer von CERN-Direktor Heuer empfangen. In seinen Augen habe noch immer die Vision des CERN einer multinationalen Forschungsorganisation geleuchtet, sagte Heuer in Fribourg über de Rose. Und Heuer erzählte, welchen Wunsch ihm der 102jährige damals aufgetragen habe: „Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie die nächste Entdeckung gemacht haben.“ Dafür kam die nächste Entdeckung des CERN leider nicht schnell genug – de Rose ist im März 2014 verstorben.

Heuer blickte auch in die Zukunft. Er stellte die verschiedenen neuen Projekte für Ringbeschleuniger (Genf), Linearbeschleuniger (Genf, Japan) und eine Neutrino-Grossforschungseinrichtung (USA) vor. Im Moment aber richtet sich das Hauptinteresse auf die Ergebnisse, welche vom Teilchenbeschleuniger LHC weiter zu erwarten sind. Denn auch wenn der LHC bereits drei Jahre Laufzeit (2010-2012) hinter sich hat und zur Entdeckung des Higgs-Bosons führte, steht er noch ganz am Anfang. Der Beschleuniger habe erst zehn Prozent seiner Lebenszeit hinter sich und erst ein Prozent der erwarteten Teilchenkollisionen produziert, sagte Heuer. Während der Betriebszeit, die über das Jahr 2030 hinaus gehen wird, seien noch viele neue Erkenntnisse möglich, meinte Heuer. Etwa Antworten auf die Frage, ob es sich beim entdeckten Higgs-Teilchen um das Higgs-Teilchen des Standardmodells handelt oder einfach um ein Higgs-Teilchen von vielen. Heuer zeigte sich auch zuversichtlich, die Higgs-Forschung könnte dereinst Hinweise geben auf Dunkle Materie und Dunkle Energie.

Politische Störmanöver

Das CERN bringt Protonen, Ionen, Neutronen, Antiprotonen, Elektronen und Neutrinos in Bewegung. Was aber bewegt das CERN in seinem Gastland Schweiz? Diese Frage stand in Fribourg im Zentrum eines vom Wissenschaftsjournalisten Olivier Dessibourg ('Le Temps') moderierten Podiums. „Das CERN zeigt, was man mit erstklassiger Ingenieurwissenschaft leisten kann“, sagte Ulrich W. Suter, Präsident der Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) in der Diskussion. Auf den grossen wirtschaftlichen Einfluss gerade auch in der Schweiz verwies Friedrich K. Thielemann, Präsident der Plattform Mathematik, Astronomie, Physik (MAP) bei der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT). Thielemann erwähnte zugleich aber auch den grossen Beitrag des CERN im Bildungsbereich.

Ganz von allein kam die Diskussion auf die schweren Irritationen in der Forschungszusammenarbeit mit der EU, welche sich nach der Volksabstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 eingestellt hatten und zur Rückstufung der Schweiz zu einem 'Drittland' geführt hatten. Das CERN sei von dieser Entwicklung nicht betroffen, hielt Heuer fest, und mit einer gekonnten Anspielung auf den unterirdischen Teilchenbeschleuniger LHC stellte er fest: „Es gibt keinen Grund, dass das CERN von Genf weggeht – wir sind sehr gut im Untergrund verankert.“ Weniger unbekümmert nahm ETH-Präsident Ralph Eichler die politische Entwicklung zur Kenntnis: „Das Schlimmste ist, dass wir vom wissenschaftlichen Wettbewerb ausgeschlossenen sind. Das ist, wie wenn der FC Basel nur innerhalb der Schweiz spielen könnte und sich nicht mehr mit internationalen Vereinen messen könnte.“

Ungenutztes Potenzial beim Technologietransfer

Kritisch äusserten sich die Diskussionsteilnehmer zum Beitrag der CERN-Grundlagenforschung auf Industrie und kommerzielle Anwendungen. Die Schweiz und die europäische Gesellschaft seien nicht in der Lage gewesen, von technologischen Innovation des CERN wie der Entdeckung des World Wide Web angemessen zu profitieren, meinte Martin Vetterli, Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds. Die USA hätten es besser verstanden, neue innovative Techniken aus der teilchenphysikalischen Grundlagenforschung gewinnbringend umzusetzen, nicht zuletzt deshalb, weil sie eine andere Unternehmenskultur hätten, wurde auf dem Podium geltend gemacht. In diese Richtung äusserte sich auch ETH-Präsident Eichler: „Das CERN hätte noch mehr für den Technologietransfer tun können.“ Ein Grund für diese ungenutzte Chance sei, dass das CERN von verschiedenen Ländern getragen werde und unklar sei, wer dessen Früchte ernten dürfte.

Auf dem Podium war neben Maurice Bourquin, ehemaliger Präsident des CERN Council, auch Botschafter Alexandre Fasel, ständiger Vertreter der Schweiz bei der UNO und den internationalen Organisationen in Genf, vertreten. Fasel betonte, durch den Standort Genf sei das CERN nahe an den Vereinten Nationen und könne dort die Anliegen der Wissenschaft einbringen. Das CERN helfe auch der Schweiz im Bereich der Wissenschafts-Diplomatie, meinte er, räumte aber ein, dass die Schweiz in diesem Bereich „nicht zu den early moovern zählt“.

Benedikt Vogel (veröffentlicht 3. 7. 2014)

  • SPS-Präsident Andreas Schopper (l.) und CHIPP-Präsident Olivier Schneider.
  • Das Podium anlässlich 60 Jahre CERN diskutierte in Fribourg den Impact des CERN auf die Schweiz.
  • SPS-Präsident Andreas Schopper (l.) und CHIPP-Präsident Olivier Schneider.Bild: Benedikt Vogel1/2
  • Das Podium anlässlich 60 Jahre CERN diskutierte in Fribourg den Impact des CERN auf die Schweiz.Bild: Benedikt Vogel2/2

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