Kathmandu ruft

Mission Teilchenphysik

Im reichen Westen ist der Gedanke der universitären Forschung und Lehre eine Selbstverständlichkeit: In den hiesigen Ländern existiert ein breites Spektrum von Instituten aller nur erdenklichen Wissensdisziplinen. In Entwicklungsländern aber ist Bildung oft noch eine knappe Ressource. Das gilt auch für die Teilchenphysik. Vertreter des Europäischen Labors für Teilchenphysik (CERN) in Genf haben nun in einer privaten Initiative Schritte unternommen, damit die Saat dieser Grundlagendisziplin auch in Nepal aufgeht.

Abha Eli Phoboo.
Bild: B. Vogel

Teilchenphysik ist die Angelegenheit von Forschern. Teilchenphysik braucht aber auch Öffentlichkeitsarbeiter, die die Erkenntnisse der Forschung in eine breite Öffentlichkeit tragen, dort verständlich machen und für ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen werben. Dies nicht zuletzt auch bei Lehrkräften und Schülern. Letztere bilden schliesslich das Reservoir für künftige Forschergenerationen. Dieser Vermittlungsaufgabe widmet sich insbesondere ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Wissenschaftsdidaktikern und Kommunikationsspezialisten: die International Particle Physics Outreach Group (IPPOG).

Teilchenphysik für Entwicklungsländer

Mitte Mai trafen sich rund 30 IPPOG-Mitglieder am Deutschen Elektronen Synchrotron (DESY) in Zeuthen bei Berlin zu einem dreitägigen Meeting. Einer der Workshops widmete sich einer Frage, die auf den ersten Blick überraschend wirken mag: Wie bringt man Teilchenphysik-Masterclasses in Entwicklungsländer? Masterclasses ermöglichen es Laien, unter Anleitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern originale Daten der Teilchenphysik-Experimente auszuwerten und so die Forschung der Teilchenphysik nachzuvollziehen. In den von IPPOG organisierten 'International Masterclasses' werden alljährlich 10 000 Jugendliche an rund 190 Universitäten und Forschungsinstituten in 41 Ländern weltweit für jeweils einen Tag zu Teilchenforschern.

Masterclasses sind ein wichtiges Mittel zur Nachwuchsförderung in der Teilchenphysik. Dass dieses Ziel aber nicht überall gleich leicht zu erreichen ist, veranschaulichen die Schilderungen von Abha Eli Phoboo, einer 30jährigen Kommunikationsexpertin nepalesischer Abstammung, die ebenfalls am IPPOG-Workshop in Zeuthen teilnahm. „In Nepal, meinem Herkunftsland, gibt es neun Universitäten. Nur wenige davon haben ein naturwissenschaftliches Departement mit Forschungs- und Laboreinrichtungen. Physik wird an diesen Universitäten zwar gelehrt, aber es handelt sich meistens um theoretische Physik, während Teilchenphysik nur geringe Beachtung findet“, so Phoboo.

Mittlerin zwischen zwei Welten

Phoboo kennt beide Welten. Sie verbrachte in Nepal die ersten 22 Jahre ihres Lebens, besuchte dort die Schulen, studierte englische Literatur, war sechs Jahre als Journalistin tätig. Dann ging sie in die USA, studierte in Oklahoma und Massachusetts creative studies, heiratete einen Physiker und wechselte schliesslich 2012 ans CERN, wo sie heute zum Redaktionsteam des vielbeachteten CERN-Webauftritts gehört. Dort schreibt sie über ATLAS, eines der vier grossen Experimente am Teilchenbeschleuniger LHC. Sie verfolgt also die Spitzenforschung in einer Wissenschaftsdisziplin, die in ihrem Herkunftsland praktisch unbekannt ist.

Da Abha Eli Phoboo beide Welten kennt, verfügt sie über die Voraussetzungen, als Mittlerin zwischen diesem Welten tätig zu werden. Genau dies tat sie im vergangenen Jahr. Sie baute Kontakte zu den nepalesischen Universitäten auf. Im Dezember 2013 begab sie sich dann an die Universität der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu mit ihren knapp eine Million Einwohnern. Dort führte sie gemeinsam mit weiteren Unterstützern erstmals im Land Teilchenphysik-Masterclasses durch. Teilnehmer des Kurses waren 80 Studenten der Universität. „Unsere Veranstaltung stiess auf ein ungeheures Interesse. Die Teilnehmer hatten so viele Fragen, dass wir am Ende fast den Bus verpasst hätten“, erzählt Phoboo mit einem Schmunzeln.

Physiker im eigenen Land halten

Die Masterclass-Teilnehmer in Kathmandu erhielten wie die Teilnehmer in anderen Ländern eine Einführung in den Teilchenphysik, analysierten danach die Daten des Teilchenbeschleunigers LHC und kamen schliesslich über eine Videoschaltung ins Gespräch mit Forschern am CERN. „Diese Direktschaltung gab den Teilnehmern die Möglichkeit, eine für sie neue Welt der physikalischen Forschung zu sehen, die ihnen völlig neue Perspektiven eröffnete“, berichtet Phoboo. Mit Computern, die für die Masterclasses-Analysen erforderlich sind, ist die Universität in Kathmandu ausgestattet. Das bedeutet aber nicht, dass die Kommunikationsinfrastruktur auch immer zur Verfügung steht. „Leider gibt es in Kathmandu nicht immer elektrischen Strom“, sagt die Wissenschaftskommunikatorin des CERN.

Ein Auslandaufenthalt ist für die meisten nepalesischen Studenten unerschwinglich. Und diejenigen, die sich einen Auslandaufenthalt leisten können, kehren in aller Regel nie in ihre Heimat zurück – mit den entsprechenden negativen Folgen für die Technologieentwicklung in Nepal. Phoboos Langfristziel ist daher, in Nepal ein Doktoranden-Programm in Teilchenphysik aufzubauen, um so die Attraktivität des Landes für Wissenschaftler zu stärken. Die Masterclass-Veranstaltung war ein erster Schritt in diese Richtung. Im Juni 2014 soll ein zweiter folgen: Dann beteiligt sich ein Lehrer aus einem nepalesischen Dorf am Lehrer-Fortbildungsprogramm des CERN.

Ein langer Weg

„Ich bin mir bewusst, dass es ein sehr langer Prozess sein wird, die Teilchenphysik nach Nepal zu bringen“, sagt Abha Eli Phoboo. „Und bis Nepal zu einem Mitgliedsstaat des CERN wird, dürfte ein Jahrzehnt oder mehr vergehen. Aber den ersten Schritt in diese Richtung haben wir schon getan.“

Benedikt Vogel (veröffentlicht 20. 5. 2014)

  • Geht mit offenen Augen durch die Welt: CERN-Kommunikationsexpertin Abha Eli Phoboo bringt die Teilchenphysik nach Nepal.
  • Abha Eli Phoboo.
  • Geht mit offenen Augen durch die Welt: CERN-Kommunikationsexpertin Abha Eli Phoboo bringt die Teilchenphysik nach Nepal.Bild: B. Vogel1/2
  • Abha Eli Phoboo.Bild: B. Vogel2/2

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