Verbaute Zukunft

Cixin Liu's Science-Fiction-Bestseller 'Die drei Sonnen'

Der chinesische Schriftsteller Cixin Liu hat mit dem Roman 'Die drei Sonnen' einen internationalen Bestseller gelandet. Jetzt liegt seine Geschichte über das Kräftemessen zwischen Erdenbewohnern und Trisolariern auch in deutscher Übersetzung vor. Im Kleid eines Science-Fiction-Romans vertritt der 53jährige Autor seine tiefe Überzeugung: ohne physikalische Grundlagenforschung bleibt technischer Fortschritt auf der Strecke.

Der Science-Fiction-Roman 'Die drei Sonnen' von Cixin Liu ist im Dezember 2016 in deutscher Sprache erschienen.

Dass in China ein politischer und wirtschaftlicher Riese schlummert, hat sich herumgesprochen. Nun macht das Reich der Mitte auch literarisch auf sich aufmerksam, und zwar im Science-Fiction-Genre, dessen Heimat man gemeinhin in den USA und Europa vermutet. Das Buch trägt den Titel 'Die drei Sonnen' und stammt vom gelernten Techniker Cixin Liu. Der Roman ist der erste Band einer Trilogie, die in China bereits 2008/2010 erschienen ist und dort Leserinnen und Leser begeistert hat. Der erste Band der Trilogie liegt seit 2014 in englischer Übersetzung ('The Three-Body Problem') vor, die US-Präsident Obama ebenso begeistert hat wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Im Dezember 2016 ist nun die deutsche Übersetzung unter dem Titel 'Die drei Sonnen' erschienen. Eine Verfilmung der Geschichte soll 2017 in die Kinos kommen.

Enttäuscht von der Kulturrevolution

Im Zentrum des Romans steht die Astrophysikerin Ye Wenjie. Während der chinesischen Kulturrevolution arbeitet Ye Wenjie – als Tochter eines Dissidenten politisch geächtet – auf einer astronomischen Beobachtungsstation in der chinesischen Provinz. In dieser Abgeschiedenheit empfängt die Wissenschaftlerin ein Lebenszeichen der Trisolarier, einer technisch weit fortgeschrittenen Kultur, die gut vier Lichtjahre von der Sonne entfernt auf dem Dreigestirn Alpha Centauri zu Hause ist. Enttäuscht über die Verrohung der Menschheit, ruft Ye Wenjie die Ausserirdischen zu Hilfe – dies im Glauben, die Trisolarier könnten mit ihrer fortgeschrittenen Kultur die irrgeleitete Menschheit verbessern.

Erfüllt wird die Hoffnung der Wissenschaftlerin nicht, wie sich später herausstellt, als sich die Raumflotte der Trisolarier dann tatsächlich auf den Weg in Richtung Erde macht. Denn die Trisolarier verfügen zwar über eine hochgerüstete Technik, aber auch über ein unterentwickeltes Kulturverständnis.

Annahmen über die Fremden

Anders als in vielen Science-Fiction-Werken steht in 'Die drei Sonnen' nicht der Krieg der Sterne im Zentrum der Handlung. Der Roman hat mehrere Handlungsebenen, und eine seiner Qualitäten steckt in der ideenreichen Darstellung des fantastischen Fremden bzw. in den Vermutungen und Annahmen, die Erdenbewohner wie Trisolarier über die jeweils andere Kultur anstellen. Anregend sind aber auch die wissenschaftsphilosophischen Gedankengänge, die Romanautor Cixin Liu seinen Figuren in den Mund legt.

Die Trisolarier sind den Erdenbewohnern technisch überlegen. Dennoch sind sie sich ihres Sieges über die Menschheit nicht sicher. Denn für ihre Reise auf die Erde veranschlagen die Trisolaner rund 450 Jahre. Sie fürchten, die Menschen könnten sich in dieser Zeit technisch so aufrüsten, dass sie den ausserirdischen Ankömmlingen Paroli bieten könnten. Um diese zu unterbinden, entschliessen sich die Trisolarier, die technische Weiterentwicklung der Menschheit zu blockieren.

„Töte ihre Wissenschaft“

Wie sich die Menschheit auf ihrem aktuellen Entwicklungsstand halten lässt, dazu hat der Anführer der Triasolarier klare Vorstellungen: „Um die Entwicklung einer Zivilisation wirksam aufzuhalten und sie für einen solch langen Zeitraum zu entwaffnen, gibt es nur einen Weg: Töte ihre Wissenschaft.“ Denn: „Die technologische Entwicklung beruht auf den Fortschritten der Grundlagenforschung, und das Fundament der Grundlagenforschung liegt in der Erkundung der Struktur der Materie. Wenn es keine Fortschritte in diesem Bereich gibt, dann wird es keine wesentlichen Duchbrüche in Wissenschaft und Technik geben.“

Um die wissenschaftliche Forschung auf der Erde lahmzulegen, starten die Trisolarier das 'Projekt Sophon': Sie verwandeln vier Protonen –­ obwohl mikroskopisch klein – in vier superintelligente Computer. Zwei von ihnen schicken sie auf die Erde und schleusen sie dort in die Teilchenbeschleuniger ein, mit denen die Menschheit physikalische Grundlagenforschung betreibt. „Die Physiker auf der Erde sind dadurch nicht mehr fähig, mit ihren Experimenten korrekte Ergebnisse zu erzielen“, freuen sich die Trisolarier, „die Teilchenbeschleuniger werden dadurch in einen Haufen Müll verwandelt.“ Ganz – soviel sei hier verraten – lassen sich die Menschen von den Ausserirdischen von Alpha Centauri dann aber doch nicht unterkriegen.

Realität fantastisch ausgeschmückt

Cixin Liu baut seine Science Fiction geschickt auf, indem er von realen Erkenntnissen der modernen Physik ausgeht, um darauf seine Fantasiewelt aufzubauen und detailreich auszuschmücken. Die Dimensionen des Makro- und des Mikrokosmos „produzieren lebendige, grosse Bilder in meinem Kopf und wecken in mir ein unbeschreibliches, religiöses Gefühl von Ehrfurcht und Ergriffenheit“, schreibt Cixin Liu im Nachwort zur englischsprachigen Ausgabe seines Romans. Diese Empfindungen hätten ihn erst zum Science-Fiction-Fan und später zum Science-Fiction-Autor werden lassen.

Der Autor, der in einem entlegenen Kraftwerk als Software-Ingenieur arbeitete, bevor er sich als Schriftsteller selbständig machte, hegt für Wissenschaft und Technik grosse Bewunderung: „Ich hatte stets den Eindruck, dass die grössten und schönsten Erzählungen in der Geschichte der Menschheit nicht durch wandernde Barden gesungen oder durch Stückeschreiber und Romanautoren geschrieben, sondern durch die Wissenschaft erzählt wurden. Die Erzählungen der der Wissenschaft sind weit beeindruckender, grösser, einnehmender, tiefer, berauschender, seltsamer, bedrohlicher, verrätselter, ja selbst bewegender verglichen mit den Erzählungen der Literatur“, sagt der Science-Fiction-Autor.

Ungewissheit über Besuch von Aliens

Das ausserirdische Leben ist für Cixin Liu ein Thema, mit dem sich die Menschheit nicht nur literarisch, sondern auch in der nichtfiktionalen Realität auseinandersetzen sollte. Extraterrestrische Intelligenz sei für die Zukunft der Menschheit die „grösste Quelle der Ungewissheit“, führt der chinesische Autor aus, grösser als Klimawandel und Umweltkatastrophen: „Vielleicht wird der Sternenhimmel über uns 10 000 Jahre lang leer und ruhig bleiben, doch vielleicht werden wir schon morgen aufwachen und feststellen, dass soeben ein fremdes Raumschiff in der Grösse des Mondes im Orbit der Erde geparkt hat.“

Autor: Benedikt Vogel

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