Die Teilchenphysik erforscht die grundlegenden Bausteine der Materie und ihre Wechselwirkungen, die den Aufbau der Materie unseres Universums bestimmen. Das Webportal macht die faszinierende Forschung einer interessierten Öffentlichkeit verständlich.mehr

Bild: ESO, R. Fosburymehr

Neutronen auf der Suche nach ihrem Spiegelzwilling

Experiment an der Quelle für ultrakalte Neutronen des PSI setzt neue Grenzen für Spiegelneutronen

Ein Forschungsteam vom Paul Scherrer Institut, der ETH Zürich, der Jagiellonen-Universität Krakau (PL) und INFN (IT) hat sich auf die Suche nach einer möglichen „Spiegel“-Version des Neutrons gemacht. Theorien sagen die Existenz dieser rätselhaften Teilchen als Manifestation einer verborgenen Spiegelwelt voraus, die zum Beispiel dabei helfen könnte, dunkle Materie zu erklären. Mit einem speziell entwickelten Aufbau, der hochpräzise Magnetfelder nutzt, untersuchten die Forschenden, ob im Speichergefäss des Experiments eingeschlossene Neutronen unerwartet verschwinden. Zwar konnten sie keine Neutronen beobachten, die sich in Spiegelneutronen umwandeln, aber sie konnten neue Grenzwerte festlegen und frühere Experimente, in denen Abweichungen von den Erwartungen beobachtet worden waren, widerlegen.

Geza Nathalie
Geza Nathalie
Geza NathalieBild: PSI
Bild: PSI

Nathalie Ziehl (ETH) und Géza Zsigmond vom Paul Scherrer Institut (PSI) gehören zu den Forschenden, die die Datenanalyse dieses Experiments an der ultrakalten Neutronenquelle (Ultracold Neutron Source (UCN)) des PSI leiten. Das gesamte Team bestand aus 22 Wissenschaftler:innen, zwei Techniker:innen sowie der Betriebsgruppe der UCN-Quelle. Wir haben die Forschenden gefragt, ob sie die ultrakurze Beschreibung (oben) dieses ultrakalten Experiments so unterschreiben würden ...

Ja, diese sehr allgemeine Formulierung passt. Das Experiment war darauf ausgelegt, die zuvor beobachteten Anomalien zu bestätigen oder auszuschliessen, die aus experimentellen Daten mit deutlich geringerer Präzision abgeleitet worden waren. Wir haben den Parameterraum der Theorie noch nicht so stark eingeschränkt, dass ihre Gültigkeit grundsätzlich in Frage gestellt wäre. Aber wir haben einen wichtigen Schritt gemacht, indem wir den zulässigen Parameterraum für Neutron–Spiegelneutron-Oszillationen weiter eingegrenzt haben.

Könnt ihr in eigenen Worten beschreiben, was die grundlegende Idee dieses Experiments ist und was es bedeutet hätte, wenn ihr gefunden hättet, wonach ihr gesucht habt?

Seit den 1950er-Jahren ist bekannt, dass die Links‑Rechts‑ (Paritäts-)Symmetrie in der schwachen Wechselwirkung verletzt ist, einer der fundamentalen Wechselwirkungen im Standardmodell (SM) der Teilchenphysik. Seither wurde vorgeschlagen, dass eine „Spiegel“-Version der SM-Teilchen existieren könnte, die die Symmetrie auf einer globalen Ebene wiederherstellt.

Die Hypothese einer vollständigen „Spiegelwelt“ aus „Spiegelmaterie“ hat zahlreiche Spekulationen darüber ausgelöst, wie sich dies auf Phänomene im sichtbaren Universum auswirken würde und ob es Portale gibt, die Übergänge ermöglichen. Spiegelteilchen würden mit gewöhnlicher Materie über die Gravitation wechselwirken, nicht aber über die elektroschwache oder starke Wechselwirkung des Standardmodells.

Allerdings könnte auch eine neue, sehr schwache Art von Wechselwirkung existieren. Eine solche Wechselwirkung würde es gewöhnlichen und elektrisch neutralen Spiegelteilchen ermöglichen, sich mit einer bestimmten zeitabhängigen Wahrscheinlichkeit ineinander umzuwandeln.

Die Oszillationswahrscheinlichkeit wird am grössten und kann verstärkt werden, wenn beide Teilchenzustände energetisch „in Einklang“ sind. Diese Bedingung lässt sich durch Variation des Magnetfelds einstellen, dem die gewöhnlichen Teilchen ausgesetzt sind.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden verschiedene Experimente durchgeführt, um Neutron–Spiegelneutron-Oszillationen zu suchen. Die UCN-Quelle am Paul Scherrer Institut bietet ideale Bedingungen, um die Möglichkeit eines solchen Phänomens zu untersuchen.

Ultrakalte Neutronen (UCNs) können in einem Gefäss gespeichert und über Hunderte von Sekunden beobachtet werden. So kann man mit hoher Präzision messen oder ausschliessen, ob Neutronen durch eine derartige hypothetische Oszillation verschwinden.

Eine gemeinsame Auswertung mehrerer früherer Experimente mit niedrigerer Empfindlichkeit hatte anomale Signale gezeigt, die auf ein unerwartetes Verschwinden von Neutronen hindeuteten. Unser Experiment wurde mit bisher unerreichter UCN-Statistik, einer verbesserten Kontrolle des Magnetfelds und präzisen Teilchenbahn-Simulationen durchgeführt und konnte diese zuvor berichteten Anomalien ausschliessen.

Sollten zukünftige Experimente mit noch höherer Empfindlichkeit tatsächlich anomale Verluste von Neutronen beobachten, würde dies auch eine Verletzung der Baryonzahl implizieren. Dies könnte helfen, die Materie-Antimaterie-Asymmetrie des Universums und die Natur der Dunklen Materie besser zu verstehen.

Was habt ihr herausgefunden, und was sagen die Ergebnisse aus?

Unser speziell dafür konzipiertes neues Experiment hat die ungewöhnlichen Signale eines Neutronenverschwindens ausgeschlossen, die als Spiegelneutron-Übergänge interpretiert worden waren. Wir haben den möglichen Parameterraum der Theorie weiter deutlich eingeschränkt – mit der derzeit weltweit besten Empfindlichkeit.

Wie ist der experimentelle Aufbau? Was macht ihn besonders?

Um eine maximale statistische Empfindlichkeit bei der Suche nach Spiegelneutron-Übergängen zu erreichen, verwendeten wir ein rund 1,5 m^3 grosses Neutronenspeichersystem und optimierten das Füllen der UCNs, ihr Monitoring sowie das Entleeren und Detektieren nach 180 Sekunden Speicherzeit. Dadurch konnten wir pro Magnetfeldeinstellung dutzende Millionen UCNs beobachten und sehr präzise nach anomalen Verlusten als Signatur von Spiegelneutron-Übergängen suchen. Das Speichervolumen musste nichtmagnetisch sein, über hochreine Wände verfügen und gegenüber ultrakalten Neutronen besonders dicht ausgeführt werden.

Durch ein grosses Spulensystem zur Magnetfelderzeugung konnten wir das Gesamtenergieniveau der Neutronen einstellen. Mit dem Spulensystem lässt sich das Magnetfeld präzise zwischen 0 und etwa dem Siebenfachen des Erdmagnetfelds einstellen. Durch diese Abstimmung konnten wir den von der Theorie vorgegebenen Parameterraum nach möglichen Übergangsresonanzen absuchen.

Die UCN-Datennahme wurde ergänzt durch (1) eine präzise Vermessung des Magnetfelds im Speichervolumen und (2) eine Reihe von Monte-Carlo-Simulationen der Teilchenbahnen (auf den Rechenclustern EULER der ETH Zürich und MERLIN des PSI), um für jede Magnetfeldeinstellung die theoretische Übergangswahrscheinlichkeit zu Spiegelneutronen zu bestimmen.

Was war die grösste Herausforderung in diesem Experiment?

Die grösste Herausforderung war, die hohe zeitliche Stabilität der Betriebsparameter des Aufbaus einzuhalten: einerseits mussten die anfänglichen UCN-Zählraten aus der Quelle, die online überwacht wurden, und die Endzählraten nach der Speicherzeit konstant sein. Eine weitere grosse Herausforderung war die Stabilität des des angelegte Magnetfeldes. Das war entscheidend, weil unsere Datenanalyse darauf beruht, sehr kleine Veränderungen in der gemessenen UCN-Detektionsrate zu identifizieren.

Wie lange hat das Experiment von der Installation bis zur Datennahme gedauert?

Nach mehr als einem Jahr Vorbereitung haben alle Messungen bei allen Magnetfeldeinstellungen insgesamt etwa zweieinhalb Monate gedauert.

Wie viele Personen waren an dem Experiment beteiligt?

Zum Team gehörten 22 Wissenschaftler:innen, zwei Techniker:innen sowie das Team des UCN-Quellenbetriebs. Zwei von ersteren, Ingo Rienäcker und Nathalie Ziehl, haben ihre Doktorarbeiten diesem Projekt gewidmet und es so zu einem sehr erfolgreichen Abschluss gebracht.

Auf welchen früheren Experimenten baut euer Versuch auf?

Diese Messung nutzte einen speziellen, eigens für dieses Experiment optimierten Aufbau, um eine maximale Empfindlichkeit zu erreichen. Dabei konnten wir auf unser Know-how und unsere Erfahrung aus früheren Projekten mit UCN-Messungen sowie mit der Erzeugung und präzisen Kontrolle von Magnetfeldern zurückgreifen.

Wie geht es in diesem Forschungsfeld weiter?

Auf Basis des in dieser Arbeit vorgestellten Aufbaus werden derzeit Perspektiven für ein verbessertes Spiegelneutron-Experiment am PSI diskutiert. In Aussicht stehen realistische Verbesserungen der UCN-Statistik durch ein Upgrade der Beschichtung und Grösse des UCN-Speichergefässes, eine bessere Leistung der UCN-Quelle nach der Installation eines neuen Deuterium-Einsatzes, der derzeit gebaut wird, und einen erhöhten Protonenstrahlstrom.

Paper: https://arxiv.org/pdf/2602.23487 (< -- we will soon provide a Phys. Rev. Lett. URL)

Barbara Warmbein

Nathalie Ziehl (ETH) and Géza Zsigmond from the Paul Scherrer Institute (PSI) are two of the researchers leading the data analysis work in this experiment performed at the ultracold neutron (UCN) source at PSI. The whole team consisted of 22 scientists, two technicians and the UCN source operators. We asked the researchers whether they would sign off on the ultrashort description (above) of this ultracold experiment…

Yes, this very general formulation sounds correct. The experiment was designed to confirm or exclude the previously claimed anomalies, obtained from experimental data taken at significantly lower precision. We did not yet drastically constrain the parameter space of the theory which would question its validity. But we made an important step constraining the allowed parameter space of neutron to mirror-neutron oscillations.

Could you describe, in your own words, what the idea behind this experiment is and what it would have meant if you had found what you were looking for?

It has been observed since the fifties of the last century that left-right (parity) symmetry is violated in the weak interaction, one of the fundamental interactions in the Standard Model (SM) of particle physics. It was since then proposed that a "mirror" version of the SM particles could exist, thus restoring symmetry on a global level.

The hypothesis of an entire “mirror world” made of “mirror matter” has sparked several speculations on how that would influence phenomena in the visible Universe and if there are portals allowing transitions. Mirror particles would interact with the ordinary ones via gravity but not via the electroweak or strong interactions of the SM.

However, a new type of a very feeble interaction might also be possible. The mentioned feeble interaction would allow for ordinary and mirror particles, which are electrically neutral, to oscillate into each-other according to a given probability distribution in time.

The oscillation probability becomes largest, and can be resonant, if both particle states were energetically “in tune”. This condition can be "tuned" by changing the magnetic field to which the ordinary particles are exposed to.

Various experiments searching for neutron to mirror-neutron oscillations have been performed in the last decades. The ultracold neutron source at the Paul Scherrer Institute provides ideal conditions to study the possibility of such a phenomenon.

Ultracold neutrons (UCNs) can be stored in a vessel and observed for hundreds of seconds and thus a disappearance of neutrons via such a hypothetical oscillation can be measured or excluded with high precision.

One global analysis of several previous experiments with lower sensitivity indicated anomalous signals, hinting at an unexpected disappearance of neutrons. Our experiment was performed with unprecedented high UCN statistics, an improved magnetic field control and precise particle-tracing simulations, and succeeded to exclude these previously claimed anomalies.

In case that in future experiments, with even higher sensitivity, one would discover an anomalous disappearance of neutrons, this would also imply baryon number violation that may help to understand the matter-antimatter asymmetry of the Universe and the nature of Dark Matter.

What did you find, and what do your results tell you?

Our dedicated new experiment successfully excluded previously claimed anormal signals of neutron disappearance that were interpreted as mirror-neutron transitions. We have further relevantly constrained the possible parameter space of the theory, with the best sensitivity worldwide to date.

Can you describe the experimental setup and what makes it special?

In order to achieve a maximal statistical sensitivity for searching for mirror-neutron transitions, we used a 1.5 m3 large neutron storage system and optimised UCN filling, monitoring and emptying/detection after 180 seconds of UCN storage. This allowed us to observe dozens of millions of UCNs per one magnetic-field setting, and to sensitively search for anomalous losses as signature of mirror-neutron transitions. The experimental volume had to be made non-magnetic, of high wall-purity and tight for ultracold neutrons.

The tuning of the total energy level of the neutrons was made possible by a similarly large, magnetic-field coil system, allowing to accurately control the magnetic field values between 0 and about 7 times the size of the Earth’s magnetic field. By such tuning, we were able to scan the parameter space given by the theory, in order to find such transition resonances.

The UCN data taking was complemented by (1) an accurate mapping of the magnetic field in the storage volume, and by (2) a series of Monte Carlo particle-tracing calculations (on ETHZ's EULER and PSI's MERLIN computing clusters) to obtain the theoretical probability of mirror-neutron transitions for every magnetic field setting.

What was the biggest challenge you encountered?

The biggest challenge was the required high temporal stability in the operation parameters of the apparatus: first, the constancy of initial UCN counts from the source which were online monitored, of the final counts after storage. Another big challenge was the stability of the applied magnetic field. This was important, because we were relying the data analysis on identifying tiny changes in the measured UCN detection rate.

How much time did the experiment take (from installation to data taking)?

After more than a year of preparation, all measurements at all magnetic field settings took about two and half months.

How many people were you?

The team was 22 scientists, two technicians, plus the team of the UCN source operation. Two of this team, Ingo Rienäcker and Nathalie Ziehl, were focusing in their PhD works to bring this effort to a very successful end.

What other experiments did yours build on?

This measurement used a dedicated apparatus, specially optimized for this experiment to achieve maximum sensitivity. We used our know-how and working experience from previous projects involving UCN measurements and precision magnetic field generation and control.

What’s next in this field of research?

Prospects for an improved mirror neutron experiment at PSI are being discussed based on the setup presented in this paper. It presents realistic improvement possibilities in UCN statistics, based on the upgrade of the UCN storage vessel coating and size, improved UCN source performance after installation of the new UCN source deuterium insert currently under production, and increased proton beam current.

Paper: Phys. Rev. Lett. paper

Barbara Warmbein

Aufbau der Spiegelneutron-Apparatur durch Ingo Rienäcker und den PSI-Gruppenleiter Bernhard Lauss. Sichtbar sind der grosse Vakuumtank mit dem UCN-Speichergefäss sowie der Eingangskanal mit Verschluss.
Aufbau der Spiegelneutron-Apparatur durch Ingo Rienäcker und den PSI-Gruppenleiter Bernhard Lauss. Sichtbar sind der grosse Vakuumtank mit dem UCN-Speichergefäss sowie der Eingangskanal mit Verschluss.Bild: M. Fischer/PSI
Aufbau der Spiegelneutron-Apparatur durch Ingo Rienäcker und den PSI-Gruppenleiter Bernhard Lauss. Sichtbar sind der grosse Vakuumtank mit dem UCN-Speichergefäss sowie der Eingangskanal mit Verschluss.
Aufbau der Spiegelneutron-Apparatur durch Ingo Rienäcker und den PSI-Gruppenleiter Bernhard Lauss. Sichtbar sind der grosse Vakuumtank mit dem UCN-Speichergefäss sowie der Eingangskanal mit Verschluss.Bild: M. Fischer/PSI

Kategorien