Ein Ort, wo Selbstvertrauen wächst

Stefanie Zbinden hat die Informatikolympiade für Schülerinnen initiiert

Es gibt sie in naturwissenschaftlichen wie in geisteswissenschaftlichen Fächern: Wissenschaftsolympiaden, bei denen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowie weitere Schülerinnen und Schüler der Altersgruppe national oder auch international zu Bestleistungen auflaufen. Eine solche Olympiade besteht seit kurzem nun auch speziell für junge Frauen mit Interesse an Informatik. Der Kopf hinter dieser Idee: die Glarner Mathematik-Studentin Stefanie Zbinden.

Die geborene Glarnerin Stefanie Zbinden (23) forscht in Edinburgh im Bereich der Geometrischen Gruppentheorie.
Bild: Stefanie Zbinden (privat)

Das Datum steht bereits fest, ebenfalls der Ort: Vom 26. Juni bis 2. Juli 2022 wird im türkischen Antalya die European Girl‘s Olympiad in Informatics (kurz: EGOI) stattfinden. Hinter diesem Namen steckt ein Programmierwettbewerb insbesondere für Gymnasiastinnen, die sich zuvor in ihrem Heimatstaat für die Teilnahme an dem internationalen Wettkampf qualifiziert haben. Aus jedem Land werden vier Teilnehmerinnen in die Türkei reisen, um bei mehrstündigen Prüfungen jeweils Aufgaben mit selbst entwickelten Algorithmen zu lösen. Am Ende winken für die Bestplatzierten wie bei olympischen Spielen üblich Gold-, Silber- und Bronzemedaillen.

Eine Tradition weiterentwickeln

Wissenschaftsolympiaden haben eine sechzigjährige Tradition. Begann es 1959 mit Mathematik, existieren die Wettbewerbe heute in Biologie, Chemie, Mathematik, Physik, Robotik und Informatik, aber auch in Wirtschaft, Geografie, Linguistik und Philosophie. Und seit 2021 eben auch als Europäische Informatikolympiade für junge Frauen. Premiere war in Zürich. 160 Teilnehmerinnen aus 43 Ländern hatten sich für den pandemiebedingt virtuell durchgeführten Informatikwettbewerb qualifiziert. Organisiert wurde der Anlass von einer Gruppe aus Studentinnen und Studenten der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) mit der Stefanie Zbinden als Kopf hinter dem Team.

Die Qualifikationen für die Olympiade in Antalya 2022 laufen in verschiedenen Ländern bereits auf Hochtouren. In der Schweiz erfolgt die Auswahl der vier Teilnehmerinnen im Rahmen der nationalen Schweizer Informatikolympiade. Diese ist im September 2021gestartet. Bis im Frühjahr 2022 werden in drei Qualifikationsrunden aus den Teilnehmenden die gewieftesten Schülerinnen und Schüler auserkoren. Wer sich in der dritten Runde durchsetzt, nimmt an der Internationalen Informatikolympiade im August 2022 in Indonesien teil. Für die vier jungen Frauen, die in der zweiten Qualifikationsrunde als Beste abschliessen, winkt eine zusätzliche Chance: Sie reisen – ungeachtet des Erfolgs in der dritten Runde – an die EGOI nach Antalya. Die Informatikolympiade für Frauen steht damit nicht in Konkurrenz zur geschlechtergemischten Internationalen Informatikolympiade. Sie ist vielmehr ein Zusatzangebot für weibliche Programmiertalente.

Rätsel selber lösen

Wer ist diese Frau, die die letzten drei Monate ihres Mathematikstudiums an der ETHZ darauf verwendet hat, einen internationalen Programmierwettbewerb ausschliesslich für Frauen zu organisieren? Wir erreichen Stefanie Zbinden per Videokonferenz in Edinburgh. Dort arbeitet sie seit diesem Herbst als Doktorandin an der Heriot-Watt-University, einer 1821 gegründeten Universität mit 11‘000 Studierenden, die erste Technische Hochschule weltweit. Dass Stefanie Zbinden von Zürich in die schottische Hauptstadt umzog, ist kein Zufall: Hier lehrt seit Mitte 2020 der Mathematiker Alessandro Sisto. Bei ihm hat Zbinden an der ETHZ ihre Bachelor- und Masterarbeit geschrieben. Bei ihm will die heute 23jährige in den nächsten Jahren promovieren.

Alessandro Sisto ist Experte für jenes mathematische Fachgebiet, das Stefanie Zinden begeistert und das an der Heriot-Watts-Universität mit einer starken Forschendengruppe vertreten ist: die Geometrische Gruppentheorie. Das ist eine Disziplin, die verschiedene mathematische Teilgebiete wie Algebra, Geometrie, Graphentheorie und Topologie zusammenführt. „Während sich die Gruppentheorie mit algebraischen Objekten befasst, wandelt die die Geometrische Gruppentheorie algebraische Objekte in geometrische Objekte um, um ihr Eigenschaften auf diesem Weg zu untersuchen“, sagt Stefanie Zbinden. Sie selber befasst sich insbesondere mit hyperbolischen Eigenschaften von Objekten, bei denen Dreiecke nach innen geschwungene Seiten haben.

Auch wenn Stefanie Zbinden eine gute Mathe-Schülerin war, als sie in Glarus ins Gymnasium ging, hat sie ihre Leidenschaft für dieses Fach nicht in der Schule entdeckt. „Was man in der Schule lernt, ist nicht wirklich Mathematik“, sagt Stefanie Zbinden, „in der Schule wendet man bloss Dinge an, die andere einem gesagt haben. Mich interessiert hingegen, Rätsel selber zu lösen. Die Schule hat mich denn auch nicht sonderlich motiviert, Mathematik zu studieren.“

Die Vorteile reiner Frauenwettbewerbe

Dass sie am Ende doch dieses Fach wählte, lag an den Wissenschaftsolympiaden. Mit 14 Jahren nahm die Tochter einer Sozialarbeiterin und eines Malers erstmals an einem solchen Wettbewerb teil, dann weitere drei Jahre immer wieder. In der Zeit schaffte sie es dreimal an die Internationale Mathematikolympiade und einmal an die Internationale Informatikolympiade. Von den nationalen und internationalen Wettbewerben trug sie reichlich Medaillen nach Hause: 2 x Gold, 7 x Silber, 2 x Bronze.

Die persönliche Erfahrung hat sie nicht nur für das Mathematikstudium an der ETHZ motiviert, sondern auch in der Ansicht bestärkt, dass getrennte Wissenschaftswettbewerbe für Frauen sinnvoll sind. „Als ich an der Mathematikolympiade für junge Frauen teilnahm, war das Klima ein ganz anderes als zuvor im gemischten Wettbewerb. Ich habe von dort neue, positive Erfahrungen mit nach Hause genommen“, erzählt Stefanie Zbinden. In reinen Frauenwettbewerben sieht sie mehrere Vorteile: Teilnehmerinnen fühlen sich nicht so ausgestellt wie bei männlich dominierten Wettbewerben wie der Internationalen Informatikolympiade mit einem verschwindend geringen Frauenanteil. Frauenwettbewerbe machten es auch leichter, Freundschaften zu knüpfen und weibliche Vorbilder zu finden.

Die ‚löchrige Röhre‘ stopfen

Auch als Doktorandin sitzt Zbinden im Organisationskomitee der nächsten EGOI. Diesmal überlässt sie den Hauptteil der Organisationsarbeit aber anderen. Für sie steht nun ihre Doktorarbeit im Mittelpunkt, nachdem sie es mit ihrem Freund nach Schottland geschafft hat, Brexit-bedingt mit Visa ausgestattet. In der Gruppe, die die Geometrische Gruppentheorie erforscht, ist Stefanie Zbinden in den ersten Wochen gut angekommen. Die Büros sind so ausgestaltet, dass ein reger Austausch über mathematische Probleme möglich ist. Gemeinsam mit Stefanie Zbinden hat eine zweite Wissenschaftlerin ihr Doktoratsstudium angefangen. Mit ihr kann sie sich auf Augenhöhe austauschen. Vier der zehn Forschenden in der Gruppe sind Frauen. „Ich war von der Zahl positiv überrascht“, sagt Zbinden.

Wohin wird sie das Doktorat einmal führen? Um diese Frage zu beantworten, ist es so kurz nach dem Start in Edinburgh noch etwas früh. Im Moment hat Zbinden eine akademische Karriere vor Augen, sie möchte Mathematikprofessorin werden. Wenn sie dieses Ziel in Zukunft erreicht, wäre das nicht nur ein persönlicher Erfolg, es wäre auch ein Beitrag, um die Löcher der ‚leaky pipeline‘ zu stopfen. ‚Löchrige Röhre‘ – dieser Begriff spielt auf die Tatsache an, dass immer mehr weibliche Talente verloren gehen, je höher die akademische Hierarchiestufe ist. Stefanie Zbinden möchte zu jenen gehören, die dabeibleiben.

Autor: Benedikt Vogel

Porträt #8 von Wissenschaftlerinnen im MAP-Bereich (2021)

  • Das Organisationsteam der ersten European Girl‘s Olympiad in Informatics vom Juni 2021 in Zürich. Vorne links: Stefanie Zbinden.
  • Stefanie Zbinden (rechts in der Mitte) mit den Kolleginnen und Kollegen ihrer Forschendengruppe an der schottischen Heriot-Watts-Universität.
  • Die geborene Glarnerin Stefanie Zbinden (23) forscht in Edinburgh im Bereich der Geometrischen Gruppentheorie.
  • Das Organisationsteam der ersten European Girl‘s Olympiad in Informatics vom Juni 2021 in Zürich. Vorne links: Stefanie Zbinden.Bild: European Girl‘s Olympiad in Informatics (EGOI)1/3
  • Stefanie Zbinden (rechts in der Mitte) mit den Kolleginnen und Kollegen ihrer Forschendengruppe an der schottischen Heriot-Watts-Universität.Bild: Stefanie Zbinden (privat)2/3
  • Die geborene Glarnerin Stefanie Zbinden (23) forscht in Edinburgh im Bereich der Geometrischen Gruppentheorie.Bild: Stefanie Zbinden (privat)3/3
Stefanie Zbinden: Ein besonderes Notizbuch

Kategorien

  • Nachwuchsförderung