• 19.05.2020
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Alice Berhin – Ein neues Kapitel in der Pflanzenanatomie

Alice Berhin, Prix Schläfli 2020
Bild: Alice Berhin
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Alice Berhin, Prix Schläfli 2020
Alice Berhin, Prix Schläfli 2020 (Bild: Alice Berhin)

Die Anatomie der Pflanzen ist beschrieben, dachte man. Und dann entdeckt Alice Berhin eine Art Schutzschicht an den Wurzelspitzen von Keimlingen. Dafür wird sie mit dem Prix Schläfli in Biologie ausgezeichnet.

Sie lacht oft und herzlich, Alice Berhin, 31 Jahre alt, Molekularbiologin, bis Ende 2019 an der Universität Lausanne und jetzt Postdoktorandin in Louvain. Die gebürtige Belgierin interessierte sich schon als Kind dafür, was sich «hinter den Dingen» verbirgt. Als Mädchen war sie fasziniert von der Pflanzenwelt. «Ich liebte es, mit meiner Mutter im Garten zu arbeiten», erzählt sie. «Besonders gerne habe ich im Frühling beobachtet, wie aus winzigen Samen grosse Pflanzen entstehen können. Einfach fantastisch.»

Dem Biologie-Unterricht aber konnte die Schülerin nicht viel abgewinnen. Man musste zu viel auswendig lernen, sagt Alice Berhin – und wieder ist da dieses herzliche Lachen, ganz so, als ob sie sich selbst nicht ganz ernst nehmen würde. «Ausserdem fehlte mir die Logik dahinter.» Also entschied sie sich zuerst für ein Soziologiestudium. Nicht die richtige Wahl: «Zu viel Literaturarbeit», erklärt sie. Also doch Biotechnologie – für Alice Berhin der perfekte Mix aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen. Und die Rückkehr zu ihrer ersten Liebe, den Pflanzen. «Ich beschäftigte mich mit der Zeit immer mehr mit Pflanzenkrankheiten», erzählt sie. «Ich liebe es zu erkunden, wie Pflanzen mit ihrer Umwelt interagieren.» Denn im Gegensatz zu Menschen oder Tieren können sich Pflanzen ja nicht bewegen. «Die Flexibilität, sich immer wieder allen möglichen Umweltbedingungen anzupassen und Stress auszuhalten, finde ich faszinierend.»

Wie beim Studium suchte Alice Berhin auch in der Forschung ihren Weg. Erst heuerte die junge Frau bei einer Arzneimittelfirma an. Die Arbeit in der Antikörperforschung gefiel ihr zwar, aber sie merkte, dass sie ohne Doktortitel oder jahrelanger Arbeitserfahrung nicht weiterkommen würde. Also bewarb sie sich auf ein Doktorat an der Universität Lausanne. «Aber ehrlich gesagt: Ich wollte nach dem Doktorat zurück in die Industrie gehen.» Doch dann entdeckte die Doktorandin, dass sie die akademische Welt attraktiver fand, als sie erwartet hatte. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit der Ablagerung von Fettsäurepolymeren an der Oberfläche von Wurzeln. Das klingt nicht besonders spektakulär, aber Frau Berhin betrat damit absolutes Neuland: Sie entdeckte nämlich, dass es solche Prozesse in Pflanzenwurzeln überhaupt gibt und ordnete sie einer neuartigen Zellstruktur der Wurzel zu, der Wurzelhaubenkutikula. «Die war schon immer da, aber vor uns hat es einfach niemand entdeckt», erzählt sie. «Ich erinnere mich, als ich die Resultate erstmals auf einer internationalen Konferenz präsentierte: In manchen Gesichtern konnte man richtig sehen, dass die Leute dachten: «Warum haben wir das nicht schon früher entdeckt?».

Tatsächlich wurde die allgemeine Anatomie der Pflanzen bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert ausführlich beschrieben. Die Entdeckung neuer anatomischer Merkmale ist daher äußerst selten geworden. «In dieser Hinsicht sind die Leistungen von Alice Berhin bemerkenswert, da es ihr nicht nur gelang, ein neuartiges anatomisches Merkmal bei Pflanzen zu beschreiben, sondern auch eine ziemlich vollständige molekulare und funktionelle Charakterisierung dieses Merkmals zu liefern», schreibt Christiane Nawrath, die Alice Berhins Dissertation betreut hat.

Für ihre Entdeckung wird die junge Forscherin von der Akademie der Naturwissenschaften mit dem Prix Schläfli in Biologie ausgezeichnet. Eine Anerkennung, die für sie «sehr überraschend» kam, weil es viel Konkurrenz gibt. «Der Preis zeigt mir, dass ich mit meiner Forschung auf dem richtigen Weg bin, ich kann darauf stolz sein.» Und er könnte ihr behilflich sein bei ihrer weiteren Laufbahn. «Es wäre toll, einmal eine Professur inne zu haben», sagt Berhin.

Astrid Tomczak-Plewka

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Winners of the Prix Schläfli 2020
  • 19.05.2020
  • SCNAT
  • Medienmitteilung

Prix Schläfli 2020 für die vier besten naturwissenschaftlichen Dissertationen

Die Umlaufbahn von Zwerggalaxien, Kräfte in Materialien wie Teflon, die Geschichte anhand von Pollen, eine neue Schutzschicht an Wurzelspitzen – die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) zeichnet die vier wichtigsten Einsichten von jungen Forschenden an Schweizer Hochschulen mit dem Prix Schläfli 2020 aus. Alice Berhin (Biologie), Oliver Müller (Astronomie), Robert Pollice (Chemie) und Fabian Rey (Geowissenschaften) erhalten den Preis für Erkenntnisse im Rahmen ihrer Dissertationen. Vier der Kandidierenden für den Prix Schläfli wurden zudem auserkoren, als Young Scientists am international prestigeträchtigen 70. Lindauer Treffen der NobelpreisträgerInnen teilzunehmen.

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