• 30.10.2015
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Ernährungsstrategien für Schweizer Städte

Woher kommt das Gemüse? Wie nachhaltig wurde es produziert? Bekommen die Landwirte genügend für ihre Arbeit?
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Woher kommt das Gemüse? Wie nachhaltig wurde es produziert? Bekommen die Landwirte genügend für ihre Arbeit?
Woher kommt das Gemüse? Wie nachhaltig wurde es produziert? Bekommen die Landwirte genügend für ihre Arbeit?

Zürich hat sich im Monat September ganz dem Thema Ernährung gewidmet. An rund 200 Veranstaltungen konnte sich die Bevölkerung genussvoll und neugierig dem Essen widmen. In Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich und 100 Partnern hat die Stiftung Mercator Schweiz damit eine der relevantesten Fragen unserer Zeit auf den Tisch gebracht: Wie werden wir uns in Zukunft ernähren? Es war das Thema der Weltausstellung in Mailand bis am 31. Oktober und wird am nächsten eco.naturkongress «Welternährung und die Schweiz» vom 27. Mai 2016 in Basel behandelt.

Es ist seltsam: Obwohl unser täglich Brot die Grundlage der Zivilisation darstellt, scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung keine angemessene Wertschätzung dafür zu erhalten: Der Einkommensanteil, den Herr und Frau Schweizer für Lebensmittel ausgeben, sinkt kontinuierlich. Aber nicht nur die Zahlungsbereitschaft nimmt ab. Auch das Interesse, mit der Produktion von Lebensmitteln Geld zu verdienen, schwindet: Schweizer Landwirte tuen sich schwer mit der Rekrutierung von Nachwuchs. Gleichzeitig werden an den globalen Warenbörsen enorme Gewinne mit dem Handel von Lebensmitteln gemacht. Wir scheinen uns also in einer paradoxen Situation zu befinden: Lebensmittel bilden nach wie vor die Grundlage menschlichen Lebens und werden deshalb auch erfolgreich als finanzielle Sicherheiten ge- und verkauft – gleichzeitig sinkt unsere Wertschätzung für unsere Ernährung und die sie produzierenden Berufe. Von der immensen Umweltbelastung, welche von der Herstellung unseres Essens ausgeht, wollen wir gar nicht sprechen.

Es ist also höchste Zeit, genauer hinzuschauen und sich Gedanken darüber zu machen, wie wir in einer Welt mit bald neun Milliarden Menschen alle satt werden. «Zürich isst» war in diesem Sinne eine erfolgreiche Initiative zur Sensibilisierung der Konsumentinnen und Konsumenten. An der Abschlussveranstaltung blickten die Projektträger denn auch zufrieden auf das einmonatige Programm zurück: Intelligentes Einkaufen ist dabei erklärt worden, regionale, saisonale und gesunde Ernährung ebenso, man erhielt Einblicke ins urbane Gärtnern und vieles mehr. In der abschliessenden Diskussion unter den beteiligten Personen und Organisationen kam man dann auch zu einem weitgehend positiven Fazit. Es wurde aber auch festgestellt, dass es sehr unterschiedliche Perspektiven gibt, aus denen man sich der Nahrungsmittelversorgung der Zürcherinnen und Zürcher näher kann. Nicht nur das: Sogar einzelne Aspekte oder gar Projekte können äusserst unterschiedlich eingeordnet und beurteilt werden. Das führt dazu, dass beispielsweise der «Pflanzplatz Dunkelhölzli» je nach Standpunkt als Zwischennutzung, als Landschaftspflege, als sozio-kulturelle Animation, als Nahrungsmittelproduktion oder eben doch als Freizeitangebot betrachtet werden kann. Wahrscheinlich wird das Projekt sogar all diesen Perspektiven gerecht. Aber darum geht es nicht. Das eigentliche Problem zeigte sich bei den Zuständigkeiten: Welches Departement, welche Abteilung der Verwaltung kann weiterhelfen, wer Bewilligungen erteilen?

Diese Unklarheit ist nicht verwunderlich und zeigt auf: Zürich hat kein Gremium, dass für die Ernährung der Stadt zuständig ist. Und Zürich hat keine Ernährungsstrategie (genau so wenig, wie Basel, Bern, Genf, Lausanne und sowieso alle Schweizer Städte).

Was bedeutet das nun konkret? Auf den Punkt gebracht heisst es, dass die Versorgung der Stadt mit Essen hauptsächlich dem freien Markt überlassen wird. Das ist per se nicht problematisch. Allerdings verpasst man hier die Chance, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sich eigentlich ernähren will. Welchen Stellenwert haben welche Nahrungsmittel für die Bürgerinnen und Bürger? Wo sollen sie herkommen, wie produziert werden? Welche Rolle spielt die Gesundheit? Welche Risikogruppen gibt es und wie können Sie erreicht werden?

Ein Vorbild und das wahrscheinlich erfahrenste Gremium in diesem Bereich ist das Toronto Food Policy Council. Seit 1991 berät es die kanadische Stadt Toronto in Ernährungsfragen und hat massgeblich zur Entwicklung der Toronto Food Strategy beigetragen. Das Gremium vernetzt die verschiedenen Akteure aus Handel, Landwirtschaft und Gemeinde und arbeitet im gesamten Ernährungsspektrum: Gesundheit, Erhalt von Landwirtschaftlicher Nutzfläche, Raumplanung, wirtschaftliche Entwicklung im Ernährungssektor, Urbane Landwirtschaft, Foodwaste, Aufklärung und Bildung, etc.

Nicht nur in Nordamerika, auch in Deutschland werden gerade Ernährungsräte gebildet, die die Regierungen in derartigen Fragen beraten. Beispielsweise in Köln und Berlin. Und nachdem nun Zürich zusammen mit Basel, Genf und Lugano den Milan Urban Food Policy Pact unterzeichnet hat, existiert auch hierzulande eine Grundlage für den Aufbau eines solchen Gremiums. Die Chancen standen also nie besser, Ernährung nicht nur als zeitweiligen Event, sondern dauerhaft auf den Tisch zu bringen.

Am kommenden eco.naturkongress 2016 vom 27. Mai wird das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) zusammen mit dem Urban Agriculture Netz Basel und Pro Specie Rara einen Workshop zu diesem Thema anbieten – und allenfalls bereits von den ersten Erfahrungen aus der Stadt Basel berichten können.

Von Tobias Spring, eco.ch.

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