Landwirtschaft

Die Schweiz will eine sichere, wettbewerbsfähige, aber auch nachhaltige und qualitativ hochwertige Nahrungsmittelproduktion fördern. Dazu sind verbesserte Pflanzensorten zentral. Diese sollten dem Standort und Klima angepasst und gegen Krankheiten und Schädlinge widerstandsfähig sein. Die Gentechnik kann dazu beitragen, solche Sorten zu züchten. Allerdings verbietet zurzeit ein Moratorium den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Schweiz.

Auf dieser Seite:

  • Wie schützt die Schweizer Landwirtschaft aktuell ihre Kulturen?
  • Was bringt die Züchtung neuer Sorten?
  • Was sind Nutzen und Herausforderungen der Gentechnik in der Landwirtschaft?
  • Gentechnik und Biolandbau - ein Widerspruch?

Schweizer Landwirtschaft heute

In der Schweiz wird etwa auf einem Viertel der gesamten Fläche Landwirtschaft betrieben. Ein grosser Teil davon wird als Wiesen und Weiden genutzt (ca. 70 Prozent), der Rest mehrheitlich für den Ackerbau.2 Jegliche Form der Landwirtschaft ist mit Veränderungen in der Natur verbunden. Ohne Eingriff des Menschen wäre beispielsweise das Mittelland grösstenteils mit einem Mischwald von Eichen und Buchen bewachsen und nicht mit Grasland.

Praktisch alle Schweizer Betriebe produzieren gemäss dem “Ökologischen Leistungsnachweis” (ÖLN), der Anforderungen für eine umweltgerechte Produktion festlegt.3 Dazu gehören unter anderem eine ausgeglichene Düngerbilanz, ökologische Ausgleichsflächen, geregelte Fruchtfolgen und ein angepasster Boden- und Pflanzenschutz.

Rund 12 Prozent der gesamten Landwirtschaftsflächen werden biologisch bewirtschaftet. Bei den Ackerkulturen beträgt der Anteil an Bioflächen rund 4 Prozent.2 Bei gewissen Kulturarten ist eine Bioproduktion allerdings äusserst schwierig. So wird beim Raps weniger als 1 Prozent der Flächen biologisch bewirtschaftet und bei den Zuckerrüben sind es sogar weniger als 0.1 Prozent.4

Luftaufnahme des Fricktals im Kanton Aargau.
Luftaufnahme des Fricktals im Kanton Aargau. (Bild: Patrik Walde / Patrik Walde, flickr)
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Luftaufnahme des Fricktals im Kanton Aargau.
Luftaufnahme des Fricktals im Kanton Aargau. (Bild: Patrik Walde / Patrik Walde, flickr)

Nachhaltiger Pflanzenschutz ist zentral

Um einen rentablen Anbau zu ermöglichen, müssen die Kulturen gegen Schädlinge und Krankheiten geschützt werden. Die gewählte Pflanzenschutzstrategie sollte dabei die Schädlinge und Krankheitserreger möglichst effizient bekämpfen. Gleichzeitig soll sie aber andere Lebewesen und die Umwelt so wenig wie möglich belasten.

In der Schweiz werden jährlich über 2’000 Tonnen Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Davon sind fast die Hälfte Fungizide zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten.5 Der Biolandbau verzichtet auf chemisch-synthetische Wirkstoffe. Trotzdem werden auch hier Pflanzenschutzmittel verwendet, vor allem Kupfer- und Schwefelpräparate, aber auch Wirkstoffe aus Pflanzenextrakten und Bakterien.

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sichert die Erträge und die Qualität der Produkte, belastet aber in verschiedenen Fällen die Umwelt. So hat die EAWAG 2014 in Schweizer Flüssen Spuren von über 80 Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen, viele davon in Konzentrationen, die über dem verordneten Grenzwert lagen. Im Durchschnitt enthielten die Wasserproben eine Mischung von über 40 verschiedenen Wirkstoffen. Welche Auswirkungen ein solcher Cocktail von Chemikalien auf die Wasserlebewesen hat, lässt sich nur schwer einschätzen.6

Eine Gruppe von Insektiziden – die Neonicotinoide – können unter gewissen Umständen Bienen gefährden und die Bienenvölker schwächen. Die Schweiz und die EU haben deshalb die Zulassung für drei Substanzen dieser Wirkstoffgruppe bis auf Weiteres ausgesetzt.

Für einzelne Schädlinge hat sich die biologische Bekämpfung als Alternative zu Pflanzenschutzmitteln bewährt. So kann der Maiszünsler, ein Schädling im Maisanbau, in den meisten Fällen erfolgreich mit Schlupfwespen bekämpft werden. Diese Strategie wird sowohl im biologischen als auch im konventionellen Landbau eingesetzt.

Die Züchtung von resistenten Sorten ist eine weitere Strategie, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verringern.

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln 2011 in der Schweiz
Einsatz von Pflanzenschutzmitteln 2011 in der Schweiz
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Einsatz von Pflanzenschutzmitteln 2011 in der Schweiz
Einsatz von Pflanzenschutzmitteln 2011 in der Schweiz

Im Jahr 2011 wurden in der Schweiz über 2’000 Tonnen Wirkstoffe zum Pflanzenschutz verkauft. Das entspricht 56 grossen Lastwagen. Da die Wirkstoffe beim Ausbringen meist stark verdünnt werden, ist die ausgebrachte Menge an flüssigen Pflanzenschutzmitteln um ein Vielfaches höher. Bild: Franziska Oeschger, Forum Genforschung.

Züchtung nachhaltiger Nutzpflanzen

Die Züchtung neuer Pflanzen- und auch Tiersorten ist für die Landwirtschaft von zentraler Bedeutung. Die Wahl der angebauten Kultursorten beeinflusst die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft. Dem Standort und Klima angepasste Sorten, die gegen Schädlinge und Krankheiten resistent ist, tragen zu einer stabilen und umweltschonenden Produktion bei. Deshalb arbeiten öffentliche und private Züchter ständig an neuen Sorten mit verbesserten Eigenschaften. Gemäss einer Umfrage von Agroscope werden zur Zeit in der Schweiz mehr als 40 Pflanzenzuchtprogramme für unterschiedliche Pflanzenarten betrieben.7

Die Gentechnik kann konventionelle Züchtungsmethoden ergänzen. Bisher wurde die Gentechnik vor allem dazu genutzt, um verschiedene Kultursorten gegenüber Schädlingen oder Unkrautbekämpfungsmitteln resistent zu machen. Neuere Projekte zielen aber beispielsweise darauf ab, die Abwehrkräfte gegenüber Krankheiten zu stärken oder die Nährstoffaufnahme der Wurzeln zu verbessern.

In der Schweiz wird die Gentechnik bisher nur für vereinzelte Züchtungsprojekte eingesetzt. Ein Moratorium verbietet zudem den kommerziellen Anbau von GV-Pflanzen. Das Moratorium wurde bisher zweimal verlängert und läuft voraussichtlich Ende 2017 aus. Deshalb sind der Bundesrat und die Bundesbehörden dabei, Regulierungen für ein künftiges Nebeneinander (eine Koexistenz) von GV- und nicht-GV-Kulturen auszuarbeiten.

> Mehr über Moderne Pflanzenzüchtung und die Unterschiede zwischen Züchtung mit und ohne Gentechnik

> Mehr über den Saatguthandel

GV-Pflanzen – Nutzen und Herausforderungen

Die Grüne Gentechnik ist keine eigene Landwirtschaftsform, sondern eine Züchtungsmethode. Die damit entwickelten Kultursorten können in verschiedenen Landwirtschaftssystemen eingesetzt werden. Im Biolandbau ist der Anbau von GV-Pflanzen allerdings verboten.

Im Ausland werden seit 1996 GV-Pflanzen grossflächig angebaut. Ihr flächenmässiger Anteil steigt seither stetig und liegt heute bei über 12 Prozent der weltweiten Anbaufläche.8 Verschiedene Beispiele zeigen, dass diese Pflanzen zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen können. So müssen beispielsweise GV-Pflanzen mit einer Resistenz gegenüber Schädlingen nicht oder kaum mehr mit Insektiziden behandelt werden. Und Sorten, die gegenüber einem Herbizid tolerant sind, erlauben den pfluglosen Anbau, was den Boden schont und der Erosion vorbeugt.

Eine grosse Herausforderung beim Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln ist das Vorbeugen von Resistenzentwicklungen – dies gilt sowohl für GV-Sorten als auch für konventionelle Strategien. Durch den zunehmenden Anbau von GV-Sorten mit einer Toleranz gegenüber dem Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat hat der Einsatz dieses Wirkstoffs stark zugenommen. Statt einer Kombination verschiedener Pflanzenschutzmittel wird häufig nur noch Glyphosat verwendet. Da Glyphosat weniger schädlich ist als die meisten anderen Wirkstoffe, wird die Umwelt dank dem Wechsel zu Glyphosat weniger belastet. Doch der grossflächige Einsatz hat auch Glyphosat-resistente Unkräuter begünstigt. Diese stellen in gewissen Anbauregionen, z.B. in Teilen der USA, ein grosses Problem dar und könnten dazu führen, dass zukünftig wieder mehr und wieder umweltschädlichere Wirkstoffe eingesetzt werden müssen.

Dieses Beispiel zeigt, dass auch bei GV-Sorten die Leitlinien einer guten landwirtschaftlichen Praxis eingehalten werden müssen. Das Entstehen von langjährigen Monokulturen beispielsweise muss und kann durch geeigneten Fruchtwechsel verhindert werden. Dies hilft auch, der Entstehung von Resistenzen vorzubeugen.

Aus wissenschaftlicher Sicht könnten künftig auch in der Schweiz gewisse GV-Nutzpflanzen einen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft leisten, sofern sie umsichtig eingesetzt werden.

> Mehr über internationale Erfahrungen mit GV-Pflanzen

> Mehr über potentielle GV-Sorten für die Schweiz

> Mehr über Resistenzentwicklung

> Mehr über den Einfluss von GV-Pflanzen auf die Umwelt

GV-Pflanzen und Biolandbau – ein Widerspruch?

Im heutigen Biolandbau ist der Einsatz von GV-Sorten verboten. Dass “Bio” und “Gentechnik” als Widerspruch angesehen wird, ist zumindest aus naturwissenschaftlicher Sicht unbegründet. So könnten beispielsweise krankheitsresistente GV-Kartoffeln im Biolandbau die Erträge steigern und den Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel verringern.9 Verschiedene Expertinnen und Experten setzen sich deshalb für eine Annäherung der beiden Richtungen ein. Um eine möglichst umweltschonende Landwirtschaft zu erreichen, scheint es sinnvoll, Lösungen, die aus den verschiedenen Ansätzen entstanden sind, zu berücksichtigen und zu kombinieren.

„Eine neue Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen ist in Entwicklung. Bei detaillierter Betrachtung haben sie ein Potenzial für eine nachhaltige Landwirtschaft, sodass ‘Bio’ und ‘gentechnisch verändert’ künftig kein Widerspruch mehr sein muss." (Gerhart U. Ryffel, Schlussbericht des NFP 59)10

Literatur

(1) Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik in den Jahren 2014–2017 (Agrarpolitik 2014–2017) vom 1. Februar 2012 (BBI 2012 2075). Link

(2) Bundesamt für Statistik. STAT-TAB: Die interaktive Statistikdatenbank. Thema 07.2 Landwirtschaft. Link

(3) Ökologischer Leistungsnachweis. Bundesamt für Landwirtschaft. Link

(4) Bioaktuell.ch (Stand Mai 2014). Link

(5) Bundesamt für Statistik. Pflanzenschutzmittel. Link

(6) Wittmer I et al (2014) Über 100 Pestizide in Fliessgewässern. Aqua & Gas Nr 3. Link

(7) Winzeler M (2013) Aktuelle Pflanzenzüchtung Schweiz: Überblick. Vortrag am Workshop Pflanzenzüchtungsstrategie Schweiz, 29. November 2013. Link

(8) James C 2013. Global Status of Commercialized Biotech/GM Crops: 2013. ISAAA Brief No. 46. ISAAA: Ithaca, NY. Link

(9) Speiser B , Stolze M, Oehen B, Gessler C, Weibel FP, Bravin E, Kilchenmann A, Widmer A, Charles R, Lang A, Stamm C, Triloff P, Tamm L (2013) Sustainability assessment of GM crops in a Swiss agricultural context. Agronomy for Sustainable Development 33: 21–61. Link

(10) Leitungsgruppe des NFP 59 (2012) Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen. Programmsynthese des Nationalen Forschungsprogramms 59. Link

Gentechnisch veränderte Sorten für die Schweiz?

Die beliebte Apfelsorte „Gala“ soll mit Hilfe der Cisgenetik gegen Feuerbrand und Schorf resistent werden.

Beliebte Apfelsorten mit Hilfe der Gentechnik gegen Feuerbrand und Schorf resistent machen

Das Unkraut stellt das grösste Problem im Zuckerrübenanbau dar, da die langsam wachsenden Rüben Konkurrenz schlecht ertragen.

Pflugloser Anbau und hohe Erträge mit Herbizid-toleranten Zuckerrüben

Kartoffeln mit Resistenz gegen Kraut- und Knollenfäule

Weniger Pflanzenschutzmittel beim Anbau von Knollenfäule-resistenten Kartoffeln

Umweltrisiken / Umweltschutz

honigbiene insekt

Mehrere Tausend Studien zeigen, dass der Anbau von GV-Sorten für die Umwelt mit denselben Risiken verbunden ist wie der Anbau von konventionellen Sorten. Die Nachhaltigkeit einer Sorte hängt vom Anbaumanagement ab.

  • Publikationen

Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und ihre Bedeutung für die Schweizer Landwirtschaft (2013, Akademien der Wissenschaften Schweiz)
  • 2013

Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und ihre Bedeutung für die Schweizer Landwirtschaft

Die Schweizer Landwirtschaft soll mehr produzieren und dies in gleicher Qualität und mit geringerer Belastung der Umwelt als bisher. Um diese Ziele der Agrarpolitik zu erreichen, sind neue landwirtschaftliche Methoden und Technologien wichtig. Zum Erreichen der Agrarziele könnten Züchtung und Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen beitragen. Deren Anwendung in der Forschung und der Nahrungsmittelproduktion werden aktuell durch gesetzliche Vorgaben gehemmt.
EASAC-Bericht "Planting the future: opportunities and challenges for using crop genetic improvement technologies for sustainable agriculture"
  • 2013

Planting the future: opportunities and challenges for using crop genetic improvement technologies for sustainable agriculture

In previous work, the European Academies Science Advisory Council (EASAC) described the opportunities and challenges in using plant genetic resources in improved breeding approaches, for example by using marker-assisted selection of desired traits. In the present report, EASAC explores some of the issues associated with the genetic modification of crops, where the EU has fallen behind in its adoption of the technology, compared with many other regions of the world.
Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und ihre Bedeutung für eine nachhaltige Landwirtschaft in der Schweiz (2013, Akademien der Wissenschaften Schweiz)
  • 2013

Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und ihre Bedeutung für eine nachhaltige Landwirtschaft in der Schweiz

Gewisse gentechnisch veränderte Pflanzen (GV-Pflanzen) könnten für eine ertragreiche und umwelt- schonende Schweizer Landwirtschaft einen Beitrag leisten. Das zeigen dieAkademien derWissenschaften Schweiz im vorliegenden Bericht. Er schliesst an ein Forschungsprogramm des Nationalfonds (NFP 59) an, welches belegt, dass der Anbau von GV-Pflanzen mit keinen Umweltrisiken verbunden ist, die nicht auch für konventionell gezüchtete Pflanzen bestehen.