Herausforderungen für die Regulierung

Die Gesetzgebung der Schweiz (wie auch der EU, dem wichtigsten Handelspartner) unterschiedet zwischen GV-Pflanzen und konventionellen Pflanzen und deren Zulassung wird unterschiedlich reguliert. Die Definition von GVO in der Gesetzgebung wurde 1990 erlassen (Gentechnikgesetz, Art. 5, Abs. 2). Zudem ist gesetzlich definiert, was gentechnische Verfahren sind (Freisetzungsverordnung, Anhang 1). Dieser Anhang beinhaltet aber auch eine Liste von Verfahren, die davon ausgenommen sind, obwohl sie gemäss Definition ebenfalls als gentechnische Verfahren gelten müssten (z. B. Mutagenese, Zell- oder Protoplastenfusion). Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Situation in Hinblick auf die neuen Verfahren in der Pflanzenzüchtung aus mehreren Gründen sehr unbefriedigend. Erstens gilt auch für diese Verfahren weitgehend, was auch für die klassische Transgenese gilt: Diese sind nicht gefährlicher als die konventionelle Züchtung. Ein und dasselbe Produkt kann teilweise sowohl mit traditioneller Züchtung oder verschiedenen neuen Verfahren hergestellt werden. Zweitens sind die neuen Verfahren wesentlich präziser als konventionelle. Das Risiko für ungewollte Veränderungen ist daher kleiner als bei konventionellen Verfahren. Drittens nutzen viele dieser Züchtungsverfahren zwar gentechnische Methoden, aber im Endprodukt ist kein eingeführtes genetisches Material mehr vorhanden (beispielsweise bei der Oligonukleotid-dirigierten Mutagenese (OdM)). Kontrollmöglichkeiten sind mit den gängigen Nachweismethoden teilweise nicht mehr möglich. Es entsteht auch die paradoxe Situation, dass das Produkt gemäss Definition kein GVO ist, aber einzelne angewandte Verfahrensschritte als Gentechnik gelten. Die mit solchen neuen Methoden gezüchteten Sorten lassen sich nach geltendem Recht nicht mehr eindeutig in GV- oder konventionelle Sorten einteilen.

Auch gibt es aus naturwissenschaftlicher Perspektive keinen Grund, bei Risikoanalyse und Zulassung von Pflanzen aufgrund der angewendeten Methode zu unterscheiden. Vielmehr sollte die neue Eigenschaft der Pflanzen im Zentrum stehen. Zwar unterscheiden sich die verschiedenen konventionellen und neuen Verfahren bezüglich Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigter Veränderungen und diese Tatsache sollte in der Beurteilung berücksichtigt werden. Aber gerade hier bieten die neuen, präzisen Verfahren klare Vorteile und geringere Risiken.

Die gegenwärtigen Rechtsunsicherheiten in der Regulierung behindern die Innovation und die Zulassung ökonomisch und ökologisch interessanter Produkte. Das wirkt sich auch auf den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Schweiz aus. Sowohl in der EU als in der Schweiz sind die zuständigen Behörden zur Zeit dabei, die bestehenden Unsicherheiten zu klären.