• 06.01.2020
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Über den Film “Les Particules” von Blaise Harrison

Teilchenphysik als Traum

Thomas Daloz spielt in ‘Les Particules’ den Maturanden P.A. Foto: Cineworx
Bild: CHIPP, Switzerland
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Thomas Daloz spielt in ‘Les Particules’ den Maturanden P.A. Foto: Cineworx
Thomas Daloz spielt in ‘Les Particules’ den Maturanden P.A. Foto: Cineworx (Bild: CHIPP, Switzerland)

Die Elementarteilchenphysik und die Grossforschungsanlage CERN regen Künstler immer wieder zur Auseinandersetzung mit der modernen naturwissenschaftlichen Forschung an. Das neuste Beispiel ist der Film ‘Les Particules’ des französisch-schweizerischen Filmemachers Blaise Harrison (39). In der künstlerischen Verarbeitung dient die wissenschaftliche Forschung als Flucht- und Traumwelt eines Heranwachsenden.

Wie Dinge erscheinen, hängt vom Zusammenhang ab, in dem sie wahrgenommen werden. Das gilt auch für die wissenschaftliche Forschung des Europäischen Labors für Teilchenphysik (CERN) in Meyrin bei Genf. Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die am CERN arbeiten, ist der grosse unterirdische Teilchenbeschleuniger in Präzisionsinstrument, mit dem sich der Zustand der Materie kurz nach dem Urknall nachahmen und untersuchen lässt. Der Kreisbeschleuniger und die zugehörigen Experimente sind minutiös geplant und durchkalkuliert. Nichts wird hier dem Zufall überlassen, Unsicherheiten müssen vermieden werden. Nur so können Erkenntnisse gewonnen werden, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Erkenntnisse, die unumstössliche Gültigkeit haben.

Bilder aus dem CERN

Diese Welt der durchkalkulierten Rationalität erscheint in Blaise Harrisons Film ‘Les Particules’ in einem anderen Licht. In den Augen des Protagonisten Pierre-André (Thomas Daloz) – seine Freunde nennen ihn P.A. – ist die Forschung eine Traumwelt, eine Halluzination, ja die Einbildung in einem Rauschzustand. In einer Szene des Films besucht P.A., der die Abschlussklasse eines wissenschaftlichen Gymnasiums besucht, mit seiner Klasse das CERN. Ein Guide zeigt den Schülern die riesigen Experimente und den Tunnel des Teilchenbeschleunigers. P.A. aber interessiert sich nicht für Protonen, Elektronenvolt und Zerfallsprodukte; er lässt sich vielmehr von den Bildern dieser fremden Welt faszinieren, mit denen die Wissenschaftler die Elementarteilchen sichtbar machen. Für P.A. ist das CERN nicht ein Labor der modernen Physik. Für ihn ist das CERN eine Traumwelt, in die er aus der Wirklichkeit flieht.

Das CERN ist ein Ort, der sich mit seinen schnellen Lichtspuren und blinkenden Computerracks radikal unterscheidet von P.A.s Alltag. Der junge Erwachsene mit dem feinen Oberlippenbart verbringt die Tage mit seinen Kumpels Mérou, Cole und J.B. Gemeinsam blödeln sie und feiern Partys, gemeinsam betreiben sie eine Garagenband und gehen – mitten im Winter – in einem Wald zelten. Dort passiert dann auch eines der wenigen Ereignisse in diesem ansonsten handlungsarmen anderthalbstündigen Film: Nachdem sich die Freunde am Lagerfeuer mit psychoaktiven Pilzen in einen Rauschzustand versetzt haben, verschwindet über Nacht einer der Freunde, Mérou, spurlos. Später wird im Wald nach dem Verschwundenen gesucht, aber der Film lässt offen, was mit Mérou geschehen ist. Der Film hat kein Interesse an einer kriminalistischen Handlung. Mérous Verschwinden zeigt vielmehr, wie der Hauptperson P.A. die Welt abhanden kommt. Denn der Film versteht sich als psychologisches Porträt von P.A.: Der Heranwachsende leidet an einer Krankheit, die es ihm erschwert, die Welt um sich herum aufzunehmen, mit ihr in einen Dialog zu treten, Wirklichkeit so zu begreifen, wie es die Forscher im benachbarten CERN tun. “Ich sehe komische Dinge”, sagt P.A. an einer Stelle im Film.

Begegnung mit dem Anti-Ich

‘Les Particules’ ist ein gemächlicher, auch ein dunkler Film. Er nimmt sich Zeit für lange, stumme Einstellungen, welche die Bilder sprechen lassen. Nicht selten herrscht Beklemmung, weil das Leben von P.A. stillzustehen scheint. Und dann kommt doch Bewegung in seinen Alltag: Durch Roshine (Néa Lüders), ein Mädchen, die mit ihrem Vater und ihrem Bruder ebenfalls im französischen Jura lebt und mit der P.A. eine zaghafte Beziehung aufbaut. In einer Schlüsselszene des Films schaut sich P.A. ein Video über die CERN-Forschung an. Darin werden die Fragen genannt, an deren Beantwortung die CERN-Wissenschaftler arbeiten: “Was ist der Ursprung des Universums?” “Was ist Dunkle Materie?” “Warum gibt es im Universum mehr Materie als Antimaterie?”

Und dann folgt in dem Video eine weitere Frage, die CERN-Physiker nie stellen würden, die aber in P.A.s Augen nur folgerichtig erscheint: “Warum gibt es kein ‘Anti-Ich’ aus Antimaterie, das mich vernichtet?” In diesem Satz offenbaren sich die Selbstzweifel des Heranwachsenden, ja eine Todessehnsucht. Am Schluss des Films taucht dieses Anti-Ich in menschlicher Gestalt an einem Waldrand in einer mythischen Szenerie tatsächlich auf, und wenig später lösen sich P.A. und das Anti-Ich in Nichts auf.

Innenwelt des Heranwachsenden

“Diese virtuellen möglichen Wahrscheinlichkeiten, die nicht eintreten, werden in der unendlich kleinen Welt der Elementarteilchen produziert”, heisst es einmal in dem Film, der aus einer schweizerisch-französischen Zusammenarbeit hervorgegangen ist. Auf Physiker mögen solche Aussagen spekulativ wirken. Aber Blaise Harrison nimmt sich die Freiheit, mit den Bildern aus der modernen Teilchenphysik die Innenwelt seiner adoleszenten Hauptfigur auszustatten. ‘Les Particules’ ist der erste Spielfilm, den der Absolvent der L'École cantonale d'art de Lausanne (ECAL) nach fünf Dokumentarfilmen produziert hat.

Autor: Benedikt Vogel

Deutschschweiz: Januar 2020

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