Perspektive Hausarztmedizin

Klaus Bally, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, Kantonsspital Baselland
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Klaus Bally, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, Kantonsspital Baselland
Klaus Bally, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, Kantonsspital Baselland

Klaus Bally
Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, Kantonsspital Baselland

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Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte, welche die personalisierte Gesundheit ausmachen?

Für mich als in der Praxis tätigen und an der Universität lehrenden und forschenden Hausarzt beinhaltet der Begriff der personalisierten Gesundheit zwei unterschiedliche Elemente: einerseits die Präzisionsmedizin, welche individuelle molekulare und genetische Merkmale berücksichtigt, und andererseits die Erkenntnis, dass dem persönlichen Gesundheits- und Krankheitsverständnis der Menschen eine hohe Beachtung beizumessen ist. Die Präzisionsmedizin ermöglicht es, beim einzelnen Menschen auf molekularer respektive genetischer Ebene Muster zu erkennen, die es erlauben, sowohl bevölkerungsbezogene Gesundheits- als auch individuelle Diagnose- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Personalisierte Gesundheit sollte allerdings nicht nur auf den gesunden oder kranken Menschen als zu untersuchendes oder behandelndes Objekt ausgerichtet sein, sondern diesen über die molekulare Ebene hinaus auch als Subjekt mit eigenen Bedürfnissen und Erklärungsmodellen wahrnehmen. Auf diesen Aspekt werden Hausärztinnen und Hausärzte in Anbetracht der raschen diagnostischen und therapeutischen Entwicklungen ein besonderes Augenmerk richten müssen. Sie sind letztlich Experten für das individuelle Gesundheits- und Krankheitsverständnis ihrer Patienten, das durchaus in einem Interessenkonflikt stehen könnte mit den Möglichkeiten der personalisierten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Präzisionsmedizin.

Wo sehen Sie die grössten Veränderungen gegenüber dem heutigen Gesundheitssystem?

Primär wird es vor allem zu Problemen des Datenschutzes, des Datenaustauschs und der Datenverwaltung kommen. Gesunde und kranke Menschen müssen zudem geschützt werden vor Informationen, die sie nicht empfangen möchten. Auf übergeordneter Ebene wird die personalisierte Präzisionsmedizin dank der enormen Zunahme von Daten die Forschung vorantreiben. In der Folge werden wir gewisse Dispositionen, Risiken und Erkrankungen frühzeitig und wirksamer diagnostizieren und behandeln können. Noch viel mehr als bisher müssen wir uns in Zukunft davor hüten, nicht wie Goethes Zauberlehrling in Situationen zu geraten, die wir nicht vorausahnen konnten und die letztlich zu Ungunsten der von uns betreuten Menschen ausfallen. Die neu gewonnenen Erkenntnisse müssen deshalb in einer sehr frühen Phase darauf untersucht werden, ob sie einzelnen Personen oder der breiten Bevölkerung nützen respektive wie gross das Schadenspotenzial ist.

Wo macht die personalisierte Gesundheit Sinn und wo braucht es einen anderen Ansatz?

Sie macht dann Sinn, wenn sie auf die Früherkennung von Krankheiten ausgerichtet ist. So lassen sich Erkrankungen, für die ein überzeugender Behandlungsansatz existiert und deren molekulare Mechanismen bekannt sind, ihrem Stadium entsprechend behandeln. Bei Menschen mit psychiatrisch-psychosomatischen Erkrankungen scheinen mir die Möglichkeiten der personalisierten Präzisionsmedizin begrenzt. Sie werden die Domäne derjenigen Medizin bleiben, für die der Mensch als Subjekt in seiner Einzigartigkeit im Vordergrund steht. Hier werden weiterhin Gesprächsinterventionen den hauptsächlichen Behandlungsansatz darstellen.

Wo sehen Sie die grössten Chancen und Herausforderungen?

Die Chance auf dem Gebiet der personalisierten Gesundheit besteht darin, in absehbarer Zukunft ernste Erkrankungen frühzeitig diagnostizieren und wirksam behandeln zu können. Herausforderungen sind der sorgsame Umgang mit den riesigen Datenmengen und ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Daten in Forschung und Klinik. Es braucht eine Gesetzgebung und eine ethische Reglementierung, die klar erkennen lassen, welche Forschungsvorhaben zulässig und zu verantworten sind. Zudem sollen die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur in Universitätskliniken angewendet, sondern so weitergegeben werden, dass sie im hausärztlichen Alltag praxisgerecht umgesetzt und ebenso von gesunden und kranken Menschen verstanden und akzeptiert werden können.


September 2018

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