Welche Rolle hat die Gesellschaft?

«Personalisierte Gesundheit beruht auf der aktiven Mitwirkung der Bevölkerung»

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Der fachliche Rucksack von Francesco Panese ist reich bepackt: Der promovierte Soziologe und Anthropologe engagiert sich unter anderem auch als Mitglied der Ethikkommisson am Waadtländer Universitätsspital CHUV und ist heute an der Universität Lausanne als ausserordentlicher Professor für soziale Studien der Wissenschafts- und Medizingeschichte tätig. Ausserdem fungiert er als Experte für die Plattform SantéPerso, ein Projekt der Initiative Leenaards, die sich in der französischen Schweiz für die öffentliche Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und medizinischen Entwicklungen stark macht.

Interview mit Francesco Panese

Was erwarten Sie ganz allgemein von der personalisierten Gesundheit?

Zunächst einmal müssen wir genau wissen, wovon wir hier sprechen. Ich greife das Konzept der 4 P auf: Nebst Personalisierung geht es um Prävention, Prädiktion – also Vorhersage – und, ganz entscheidend: Partizipation. Denn man zählt auf die aktive Beteiligung der Bevölkerung, die einen Teil der Big Data liefert, auf die sich diese Medizin stützt. Diese Daten werden vor allem durch das Self-quantifying erhoben, d.h. durch die Selbstvermessung, die dank der Smartphones für weite Teile der Bevölkerung selbstverständlich geworden ist.

Bei der Prävention stellen wir einen Paradigmenwechsel fest: Wie der Anthropologe Jean-Pierre Dozon aufgezeigt hat, folgt die heutige Prävention dem Ideal, dass die Objektivierung der Gesundheitsrisiken durch die biomedizinischen Wissenschaften ergänzt wird durch eine Bewegung der Subjektivierung, die dazu führen soll, dass jede und jeder zum Akteur wird, der für die eigene Gesundheit verantwortlich ist. Daraus lässt sich die Hypothese ableiten, dass die Daten, die wir selber erheben, immer öfter und immer schneller auf unsere Verhaltensweisen zurückwirken werden, in einer Art Anpassungszyklus.

Führt denn diese Partizipation auch zu einer erhöhten Selbstbestimmung und Autonomie – also zu mehr «Empowerment»?

Diesen Anpassungszyklus kann sicher als Empowerment betrachtet werden. Die Kehrseite ist allerdings, dass jede und jeder für ihre Gesundheit und damit auch für den Ausbruch einer Krankheit verantwortlich gemacht wird. Viele Versicherungen entwickeln denn auch Projekte für die Selbstvermessung, und es besteht das Risiko, dass diese Autonomisierung der Individuen das Solidaritätsprinzip des aktuellen Systems aufbrechen könnte, etwa mit Massnahmen vom Typ Bonus-Malus.

Welche Folgen sind absehbar, wenn sich die Selbstvermessung weiter verbreitet?

Abgesehen von den klassischen Gesundheitsaspekten könnte die ununterbrochene Beschäftigung mit der Erhebung eigener Körperdaten zu neuartigen Zwangsneurosen führen. Was Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenzen betrifft, so hängen diese auch mit Computerkompetenzen zusammen, man muss die erforderlichen technischen Instrumente beherrschen. Andererseits gehen mit dem überhandnehmenden Einsatz der Handys auch abartige Effekte einher, von denen technikabstinentere Personen möglicherweise verschont bleiben. Es ist daher nicht einfach, eine Gesamtbilanz zu ziehen. Im globalen Masstab wird das Handy aber auf jeden Fall den Ländern des Südens den Zugang zu Medizin und Gesundheit verbessern. Zahlreiche Projekte gehen in diese Richtung.

Welche Kräfte treiben die Personalisierung der Gesundheit besonders voran?

In der Schweiz gibt es Projekte, an denen sich Universitäten und Spitäler beteiligen. Auf internationaler Ebene machen sich auch technische Grosskonzerne wie etwa Google mit Verily daran, den Gesundheitsbereich zu erobern. Dieser wird zum Markt, wobei längst nicht nur mit Daten gehandelt wird, sondern auch Anwendungen zum Verkauf gelangen. Der Gesundheitsmarkt wird neu definiert.

Wie sollte sich die personalisierte Gesundheitsversorgung aus Ihrer Sicht weiter entwickeln?

Auf pragmatische Art und eher bottom up als top down, beispielsweise, indem wir von einer «Medizin der 4 P» zur konkreteren Vision einer «Medizin der 4 I» gelangen: Interoperabilität, indem die Datenbanken miteinander verbunden werden, unter Berücksichtigung der rechtlichen und datenschützerischen Anforderungen, ein wichtiges Problem, für das man heute nach Lösungen sucht; Interdisziplinarität, denn Ärztinnen arbeiten immer öfter mit Statistikerinnen, Genetikern, Technikerinnen und anderen Fachleuten zusammen; Interprofessionalität ist ebenfalls wichtig, umso mehr, als viele Ärzte fürchten, die ganzheitliche Sicht gehe verloren; und schliesslich geht es auch um die soziale Integration, weil die Fähigkeiten und Kenntnisse der Bürgerinnen und Bürger gesellschaftlich anerkannt werden müssen, was heute noch nicht der Fall ist.

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