Macht die individuelle Medikation Therapien günstiger?

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Viele Arzneimittel wirken bei verschiedenen Patientinnen und Patienten unterschiedlich gut. Für diverse Krankheiten kann heute mit genetischen Tests festgestellt werden, ob eine bestimmte Person auf ein Medikament anspricht. „Solche 'targeted therapies' (gezielte Therapien) werden heute gerade in der Krebsmedizin mit Erfolg eingesetzt. In diesem kostenträchtigen Bereich hat die personalisierte Gesundheit das Potenzial, eine Kostenexplosion zu verhindern“, sagt der Basler Gesundheitsökonom Prof. Thomas D. Szucs.

In einer noch unveröffentlichten Studie1 verweist Prof. Szucs auf mehrere Beispiele, welche die Wirtschaftlichkeit der personalisierten Gesundheit klar belegen würden: Eines ist die Krebsimmuntherapie mit dem Wirkstoff Cetuximab bei fortgeschrittenem, metastasierendem Darmkrebs. Das Medikament hilft rund der Hälfte der Patienten, nämlich jenen, deren Tumorzellen nicht eine bestimmte Mutation im KRAS- oder im BRAF-Gen aufweisen. Würden die jährlich rund 1000 Patienten in der Schweiz mit metastasierendem Darmkrebs vor einer Behandlung mit Cetuximab entsprechend getestet, liessen sich rund vier Millionen Euro sparen, verglichen mit der Situation, wenn alle Patienten ohne Test behandelt würden.2 Zwar ist der Test relativ teuer, doch durch seinen Einsatz lassen sich wirkungslose Behandlungen mit Cetuximab, die jeweils 4'200 Euro pro Monat kosten, vermeiden.

Andere Experten wie Prof. Andreas Gerber-Grote von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften beurteilen die Wirtschaftlichkeit der personalisierten Gesundheit heute eher skeptisch. „In manchen Fällen kann die individuell abgestimmte Gabe von Medikamenten durchaus zu besseren Behandlungserfolgen führen, allerdings sind die Medikamente der personalisierten Gesundheit oft sehr teuer, und damit die 'richtigen' Personen von den Arzneimitteln profitieren, sind komplexe und entsprechend teure Diagnoseverfahren notwendig“, sagt Prof. Gerber-Grote. Der Gesundheitsökonom verweist auf eine Studie3, wonach von 136 berücksichtigten Tests nur 20% Kostenvorteile gegenüber bisher eingesetzten Tests aufweisen würden. Ausserdem zeigten die Tests, die über den Einsatz eines 'personalisierten' Medikaments entscheiden sollen, längst nicht immer ein eindeutiges Ergebnis.

Die Autoren des TA-SWISS-Berichts 'Personalisierte Medizin'4 schreiben: „Die Aussage, dass die Stratifizierung der Medizin die Effizienz des Gesundheitswesens verbessere, lässt sich durch den heutigen Stand der Literatur nicht stützen“. Sie fordern neue Evaluationsmethoden, um den medizinischen Nutzen angemessen ausweisen zu können.

September 2018


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Literatur

(1) Szucs TD, Blank PR (2016) Wird sich personalisierte Medizin rechnen? Betrachtungen aus gesundheitsökonomischer Sicht. In: Personalisierte Medizin. Hoffnung oder leeres Versprechen? Herausgeber: Isabel Klusman, Effy Vayena. Buchreihe: Zürcher Hochschulforum Band 54, 2016. ISBN: 978-3-7281-3575-9 Link

(2) Blank PR et al (2011). KRAS and BRAF mutation analysis in metastatic colorectal cancer: a cost-effectiveness analysis from s Swiss perspective. Clinical Cancer Research 17(19): 1–9. Link

(3) Phillips KA et al(2014) The economicvalueofpersonalizedmedicinetest: whatweknowandwhatweneedto know. Geneticsin Medicine16: 251-57. DOI: 10.1038/gim.2013.122. Link

(4) Eckhardt A et al (2014) Personalisierte Medizin. Studie des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung TA-SWISS. Zürch: vdf Hochschulverlag. Link

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