Ein Comic als Kommunikationsmittel?

Ein auf Deutsch übersetztes Sachcomic aus den USA zur Synthetischen Biologie löst in der Schweiz statt Interesse Irritation und Ängste aus.

Vorgeschichte

Das Form Genforschung beschäftigt sich seit dem Jahr 2005 regelmässig mit der Synthetischen Biologie. Einzelne Forumsmitglieder kamen dabei früh in Kontakt mit Drew Endy, einem führenden Kopf der neuen Fachrichtung. Der Biologe aus Kalifornien pflegt dabei auch unübliche Formen der Zusammenarbeit: Um seine Forschung einem breiteren Publikum vorzustellen, gestaltete er gemeinsam mit dem Zeichner Chuck Wadey einen Comic über «Adventures in Synthetic Biology».1

Das Forum beschloss, den durch einen Abdruck in der Wissenschaftszeitschrift «Nature» geadelten Comic auf Deutsch zu übersetzen. Damit, so die Erwartung der Forumsmitglieder, könne das noch weitgehend unbekannte Forschungsgebiet auf spielerische Art ins Gespräch gebracht werden.

Die Zeitung “Blick” berichtet kritisch über den Comic zur Synthetischen Biologie.
Die Zeitung “Blick” berichtet kritisch über den Comic zur Synthetischen Biologie.
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Die Zeitung “Blick” berichtet kritisch über den Comic zur Synthetischen Biologie.
Die Zeitung “Blick” berichtet kritisch über den Comic zur Synthetischen Biologie.

Ein Platz auf der Titelseite

An der «SB.03», der dritten internationalen Tagung über Synthetische Biologie, die vom 24. bis 26. Juni 2007 in Zürich stattfand, verteilte das Forum den übersetzten Comic. Es erzielte damit tatsächlich eine beachtliche Breitenwirkung – wenn auch nicht ganz die erwünschte: Von einem «fehlgeschlagenen Versuch», sprach etwa der Berner «Bund», und die Wochenzeitung WoZ zitierte in ihrem Titel das Goethe-Gedicht über den Zauberlehrling («In die Ecke, Besen! Besen!»).2 Kurz: Das erste und bisher einzige Mal, dass das Forum Genforschung für Schlagzeilen gesorgt hatte, waren diese nicht eben positiv.

Aufarbeitung…

Das Forum beschloss, den missglückten Kommunikationsversuch aufzuarbeiten. Es betraute ein Team aus der Hochschule Luzern damit, zu untersuchen, wie der Comic von unterschiedlichen Zielgruppen verstanden und aufgenommen wurde. Dazu wurden insgesamt fünf Gruppendiskussionen durchgeführt: Zwei mit Gymnasiasten zweier unterschiedlicher Fachrichtungen (Biologie und bildnerisches Gestalten), zwei mit Personen, die auf der einen Seite beruflich in der Biologie oder als Ingenieure tätig sind und auf der anderen Seite in der Werbung arbeiten. Eine weitere Gruppendiskussion wurde zur Kontrolle mit US-amerikanischen Jugendlichen durchgeführt.

…. Ergebnisse…

In allen Gruppen wurde bemängelt, die kindliche Bildsprache im Comic stehe im Widerspruch zur hoch komplexen Sachinformation. Dies verringere die Bereitschaft, sich überhaupt mit dem Comic zu befassen. Des weiteren trug die Vermengung von exaktem Faktenwissen mit fiktiven Elementen zur Irritation bei. Schliesslich erwies sich auch die Genrewahl als unglücklich: Die Form der Science Fiction verleihe dem Wissenschaftszweig der Synthetischen Biologie den Ruf des Unseriösen und Gefährlichen, schade mithin ihrer Glaubwürdigkeit und bestärke negative Vorurteile.

Die Untersuchung brachte auch einen deutlichen Bruch zwischen den Generationen zum Vorschein. Während die Erwachsenen den Comic aufgrund ihres Vorwissens und über die emotional aufgeladene Thematik der Gentechnik verarbeiteten und ihn als bedrohlich und abschreckend empfanden, interpretierten die Gymnasiasten den Cartoon in Bezug auf das Medium selbst. In diesem Sinn werteten sie die Bilder als unterhaltsam, wenn sie auch Zweifel an ihrer Eignung als Vermittlungsinstrument für Sachwissen äusserten.

Schliesslich arbeitete die Untersuchung einen klaren Kulturunterschied zwischen den US-amerikanischen Jugendlichen und ihren Schweizer Altersgenossen heraus: Stil und Figuren stiessen bei den US-amerikanischen Teens auf deutlichen Zuspruch; sie lobten Farbwahl, Zeichnung und Ausdruck, die sie als stimmig empfanden, während sich die Schweizerinnen und Schweizer wenig angesprochen fühlten.

…und Empfehlungen

Die Ergebnisse der Luzerner Forschungsgruppe legen es nahe, bei Comic-Projekten allfälligen kulturellen Unterschieden, etwa zwischen deutscher, französischer und italienischer Schweiz, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Insbesondere in der deutschen Schweiz stossen Bildergeschichten als Vermittlungsinstrument für Sachwissen auf Skepsis. Ausserdem ist bei einer Adaptation von Comics aus anderen Kulturkreisen Vorsicht geboten.

Auch gilt es, das Umfeld zu prüfen, in welchem die Auseinandersetzung mit einem Sachcomic stattfinden soll. Wenn Jugendlichen ein Cartoon im Unterricht als Alternative zu einem anderen Lehrmedium vorgelegt wird, stösst er offenbar auf grössere Akzeptanz, als wenn er in der Freizeit oder als Hausaufgabe gelesen werden soll.

Schliesslich empfiehlt das Forschungsteam aus Luzern zu überprüfen, ob sich die Zielgruppe grundsätzlich für das Thema interessiert, das im Comic aufgegriffen wird. Denn wenn Neugier und Lust zur Auseinandersetzung fehlen, verfehlt selbst der beste Sachcomic sein Ziel.

Die Ergebnisse aus der Analyse des Comic «Abenteuer im Reich der Synthetischen Biologie» flossen in einen Leitfaden für die Konzeption und Gestaltung von Sachcomics ein.3


Referenzen

  1. Endy D, Deese I and The MIT Synthetic Biology Working Group. Adventures in Synthetic Biology. Nature 438:449 – 453. Link
  2. Hänggi M (2007) In die Ecke, Besen! Besen! WOZ. Die Wochenzeitung. Link
  3. Hangartner U, Keller F und Oechslin D (2012) Sachcomics. Ein Manual für die Praxis. Hochschule Luzern, Design & Kunst. Link

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Abenteuer im Reich der Synthetic Biology (2007, Forum Genforschung/MIT)
  • 2007

Abenteuer im Reich der Synthetic Biology

Deutsche Übersetzung eines Sachcomics der „MIT Synthetic Biology Working Group“