„Wie der CEO eines multinationalen Konzerns“

Prof. Günther Dissertori wurde als stellvertretender Sprecher des CMS-Experiments am CERN berufen

Hinter der Abkürzung CMS steckt eines der aktuell grössten Physikexperimente weltweit. Nun wurde Günther Dissertori, Teilchenphysiker an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich, in das dreiköpfige Leitungsgremium des CMS-Experiments berufen, das am grossen CERN-Teilchenbeschleuniger in Meyrin bei Genf angesiedelt ist. Der 47jährige Wissenschaftler übernimmt damit eine Aufgabe, die mit der Führung eines internationalen Unternehmens mit 4000 Angestellten verglichen werden kann.

Prof. Günther Dissertori (47), Teilchenphysiker an der ETH Zürich und neu stellvertretender Sprecher des CMS-Experiments am CERN.

CMS (kurz für: 'Compact Muon Solenoid') ist eines der beiden grossen Experimente, die seit 2009 am CERN-Teilchenbeschleuniger LHC laufen. Der bisher grösste Erfolg des CMS-Experiments war die Entdeckung des Higgs-Bosons im Jahr 2012 (gemeinsam mit dem ATLAS-Experiment, das ebenfalls am LHC angesiedelt ist). Rund 4000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ingenieurinnen und Ingenieure, Technikerinnen und Techniker sowie Administrativkräfte wirken am diesem Grossexperiment mit. Zählt man nur die Forscherinnen und Forscher mit Doktortitel, sind es noch immer 1400 Personen aus 196 akademischen Instituten rund um den Globus. Allein für den laufenden Betrieb des CMS-Experiments, inklusive des Computings für die Datenverarbeitung, sind vor Ort am CERN einige Hundert Personen nötig.

Diese Zahlen lassen erahnen, welchen Aufwand es bedeutet, ein solches Experiment auf Kurs zu halten. Die Führung des CMS-Experiments obliegt in der Regel einem dreiköpfigen Gremium: einem „Sprecher“ und seinen zwei Stellvertretern. Die Bezeichnung „Sprecher“ ist indes missverständlich. Denn die „Sprecher“ sind nicht einfach Auskunftspersonen. Ihnen obliegt vielmehr die operative Führung des Experiments. „Das dreiköpfige Sprecher-Team hat eine exekutive Führungsaufgabe. Diese ist bei allen Unterschieden in den einzelnen Aufgaben eher vergleichbar mit der Tätigkeit des CEO eines multinationalen Konzerns“, sagt Prof. Günther Dissertori. Der Teilchenphysiker der ETH Zürich ist im Herbst 2016 zum stellvertretenden Sprecher von CMS ernannt worden. Die Ernennung erfolgte durch den aktuellen Sprecher – den US-Amerikaner Joel Butler – und wurde durch die 198 Institute der CMS-Collaboration bestätigt.

2017 kommt der neue Pixel-Detektor

Grosse Physikexperimente haben heute gewöhnlich eine internationale Zusammensetzung. So ist es immer wieder ein besonderer Erfolg, wenn Physiker oder Physikerinnen von Schweizer Universitäten in den Leitungsgremien vertreten sind. Dissertori's Berufung in die Leitung eines LHC-Experiments schliesst an die Tradition von Dr. Peter Jenni an, der das ATLAS-Experiments während der Aufbaujahre 1995-2009 leitete, und an Tatsuya Nakada (EPF Lausanne), der am CERN das LHCb-Experiment als Spokesperson etablierte (1995-2008). Um die neue Aufgabe wahrnehmen zu können, hat Dissertori seine Lehrverpflichtungen an der ETH Zürich für die zweijährige Amtszeit stark reduziert. Seine Aufgabe erfordert nämlich eine hohe Präsenz am CERN (ca. 3 Tage/Woche) und viel Reisetätigkeit. Das CMS-Führungsteam arbeitet eng mit der CERN-Führung zusammen und ist letztlich, gemeinsam mit den beiden sogenannten Physik-Koordinatoren, auch verantwortlich für die Veröffentlichung der Resultate des CMS-Experiments. Pro Jahr gehen aus dem CMS-Experiment rund 100 wissenschaftliche Publikationen hervor.

Eine erste wichtige Etappe der zweijährigen Amtszeit an der Führungsspitze des CMS-Experiments steht für Dissertori bereits im Frühling 2017 ins Haus. Dann wird der Pixel-Detektor ersetzt, ein Herzstück des CMS-Detektors. Der neue Pixel-Detektor war – wie schon der aktuelle Detektor – unter Schweizer Führung (PSI, ETH und Universität Zürich) entworfen worden und soll das CMS-Experiment künftig noch leistungsfähiger machen. Als CMS-Deputy Spokesperson muss Dissertori seinen Blick aber auch in die ferne Zukunft richten: “Wir müssen heute auch schon die Upgrades aufgleisen, die wir in den Jahren 2024-2025 beim CMS-Detektor machen wollen”, sagt Dissertori, “dazu führen wir Gespräche mit den nationalen Einrichtungen für die Forschungsfinanzierung, planen technische Umsetzungsdetails und deren Dokumentation, und stimmen die Arbeitsteilung zwischen den beteiligten Teilchenphysik-Instituten ab.”

Starke Motivation gefragt

Wer ein grosses Physik-Experiment leitet, muss ein exzellenter Physiker und geschickter Manager sein, aber auch ein guter Kommunikator und mitunter ein talentierter Motivator. Dann beispielsweise, wenn – wie im ersten Halbjahr 2016 geschehen – die Augen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auf das CERN gerichtet sind, weil dort neue Daten die Hoffnung auf eine bahnbrechende Entdeckung schürten, die dann allerdings nicht eintraf, weil sich die vermeintliche Entdeckung als statistische Fluktuation entpuppte. “Mit solchen Situationen der Enttäuschung muss man auch umgehen können”, sagt Dissertori. “Als Sprecher müssen wir dafür sorgen, dass es keine Motivationseinbrüche gibt.”

Eine wichtige Voraussetzung, um die Funktion im Sprecher-Triumvirat von CMS wahrnehmen zu können, ist eine gute Vernetzung mit der Teilchenphysik-Community weltweit. Günther Dissertori konnte sein Netzwerk im Herbst 2016 noch einmal weiter ausbauen: Die angesehene American Physical Society (APS) wählte den geborenen Südtiroler zu einem ihrer Fellows – “Für seine Pionierarbeit in Messungen zur Quantenchromodynamik, für seine Führungsrolle bei der Entdeckung des Higgs-Bosons und der Suche nach einer 'neuen Physik' am LHC, aber auch für seine Bemühungen, die internationale Zusammenarbeit zu stärken und kleinere Länder beim dynamischen Austausch physikalischer Forschung zu fördern", wie es in der Würdigung der APS heisst.

Autor: Benedikt Vogel

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