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Andrea Weibel entdeckte, dass Galaxien überraschend schnell erwachsen werden

Prix Schläfli 2026 in Astronomie: Er war schon immer an den «grossen Fragen des Universums» interessiert und ist in seiner Dissertation an der Universität Genf in die Anfänge des Universums eingetaucht. Für seine Arbeit zur Entstehung sehr früher Galaxien wird Andrea Weibel jetzt mit dem Prix Schläfli ausgezeichnet.

Andrea Weibel
Andrea Weibel
Andrea Weibel

Astrid Tomczak-Plewka

Wer nachts in den klaren Himmel blickt, hat es vielleicht auch schon erlebt: Dieses Gefühl eigentlich nur ein winziges Staubkorn zu sein. «Es führt uns vor Augen, wie klein und verletzlich wir sind. Aber es hat gleichzeitig was Verbindendes.» Der dies sagt, hat schon tiefer in diesen Himmel geblickt, als die meisten Menschen: Astrophysiker Andrea Weibel ist für seine Dissertation nämlich ganz weit zurückgereist – bis in die ersten paar hundert Millionen Jahre nach dem Urknall.

Im Zentrum seiner Dissertation steht die Frage, wie die allerersten Galaxien entstanden sind und wie sie sich entwickelt haben. Dafür arbeitete er mit Daten des James-Webb-Weltraumteleskops, das einen detaillierteren und schärferen Blick in diese extrem frühen Phasen erlaubt als je zuvor – eine optische Zeitreise. Das Timing war eigentlich perfekt: Ein halbes Jahr bevor das James-Webb-Teleskop die ersten Daten lieferte, begann Andrea Weibel mit seiner Dissertation. Dann wurde es hektisch: «Es war sehr kompetitiv, alle wollten die neuen Daten», erinnert er sich. Als junger Doktorand sei er manchmal etwas überfordert gewesen, aber «ich hatte nie eine grosse Krise.» Weibel kombinierte für seine Arbeit zwei Ansätze: Einerseits untersuchte er statistisch ganze Galaxienpopulationen, indem er in grossen Datensätzen zählte, wie viele Galaxien es zu verschiedenen Zeitpunkten gab. Gleichzeitig suchte er gezielt nach einzelnen, ungewöhnlichen Galaxien. Besonders aufsehenerregend ist eine seiner Entdeckungen: eine massereiche, «stille» Galaxie, die bereits sehr früh im Universum aufgehört hat, neue Sterne zu bilden. «Eigentlich erwartet man im Frühuniversum, dass alle Galaxien Sterne formen wie verrückt», erklärt Weibel. Dass eine solche Galaxie trotzdem schon so früh «still» ist, deutet darauf hin, dass sie ihre Masse in sehr kurzer Zeit aufgebaut haben muss. Seine Arbeit zeigt damit, dass sich grosse Strukturen im Universum offenbar schneller bilden können als bislang angenommen und liefert neue Hinweise darauf, wie die heutigen Galaxien entstanden sind.

Die Frage nach dem Warum und dem Wie

Diese Frage danach, wie alles entstanden ist, begleitet Andrea Weibel schon lange. Als Jugendlicher fragte er sich: «Warum gibt es uns überhaupt? Wie funktioniert alles?» Er hätte sich deshalb auch ein Philosophie-Studium vorstellen können. Doch die «Aha-Erlebnisse» im Physik-Unterricht gefielen ihm besonders, das Physikstudium war deshalb eine naheliegende Wahl. «Aber ich war nicht sonderlich begeistert. Das Grundstudium war sehr technisch.» Erst für seine Bachelorarbeit beschäftigte er sich mit Astrophysik und merkte: «Das finde ich wirklich spannend.» Fürs Masterstudium wechselte er von der Universität Bern an die ETH, weil dort das Angebot in Astrophysik grösser war, für seine Dissertation dann schliesslich nach Genf.

Trotz dieser Wechsel innerhalb der Schweiz ist Andrea Weibel immer noch eng mit seiner Herkunft verbunden. Er ist in Matten bei Interlaken «sehr wohlbehütet» mit einem jüngeren Bruder aufgewachsen. Seine Eltern haben keinen akademischen Hintergrund, unterstützten ihn jedoch in seiner wissenschaftlichen Laufbahn sehr. «Ich hatte eine sehr schöne Kindheit mit Bergen und dem See», sagt er. Dass er quasi in einer Postkartenidylle aufgewachsen ist, habe er aber erst später wirklich realisiert. «Wenn ich mit dem Zug nach Interlaken fahre, denke ich oft: Es ist schon sehr schön.» Doch nicht nur der Anblick der Berge, auch die Gespräche mit Menschen, die nichts mit seiner Arbeit am Hut hätten, haben ihm immer wieder geholfen, sich zu erden. «Die Wissenschaft ist eine Bubble», sagt er. «Es tut gut da rauszukommen.» Raus – das bedeutet für ihn: Bouldern mit Kollegen, Skifahren. Früher war er auch noch Schlagzeuger in einer Band. «Aber das liegt nicht mehr drin.»

Er möchte in der Heimat bleiben

Noch bis im Sommer läuft seine Postdoc-Anstellung in Genf, dann plant er einen Forschungsaufenthalt in Hawaii. Chance und Herausforderung zugleich. Denn: «Ich war immer in Bern», sagt er. Trotz seiner Anstellung in Genf hat er ein Zimmer und sein soziales Umfeld in Bern, wo er auch die Wochenenden mit seiner Freundin verbringt. «Ich bin hier sehr verwurzelt», sagt er, «und würde gerne auch längerfristig hier bleiben.» Das müsse allerdings nicht zwangsläufig in einer akademischen Institution sein. «Ein Gedanke, der mich manchmal umtreibt, ist, dass ich gerne etwas machen würde, das einen direkten Impact hat. Das fehlt mir manchmal bei dem, was ich jetzt vier Jahre lang gemacht habe», sagt er. «Ich habe zwar keine konkrete Vorstellung, bin aber sicher, dass ich die Fähigkeiten, die ich im Doktorat erworben habe, auch in einem anderen Bereich anwenden kann.»

Vielleicht ist es ja das, was ihn letztlich prägt: Nicht immer eine konkrete Antwort zu haben. Sondern die grossen Fragen zu stellen.

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