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Julian Rogger zeigt, wie Pflanzen das Klima regulieren

Prix Schläfli 2026 in Geowissenschaften: Welchen Einfluss Klimaveränderungen auf Pflanzen haben, zeigt sich praktisch vor unseren Augen. Wie sieht es aber umgekehrt aus? Welche Rolle spielt das Vegetationssystem bei der Klimaregulation? Dieser Frage geht Julian Rogger in seiner Dissertation an der ETH Zürich nach und wird dafür mit dem Prix Schläfli ausgezeichnet.

Julian Rogger
Julian Rogger
Julian RoggerBild: Laurine Rey
Bild: Laurine Rey

Astrid Tomczak-Plewka

«Ich hatte immer das Privileg, meinen Interessen folgen zu können.» Der junge Mann, der dies sagt, war schon als Kind vielseitig interessiert – was das Privileg zu einer Herausforderung machte: Ursprünglich wollte Julian Rogger Berufsmusiker werden, spielte Bass und Gitarre in einer Band und absolvierte das Vorstudium an der Musikhochschule Luzern. Doch dann entschied er sich, anderen Neugierden zu folgen – nämlich naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen. Bei den Agrarwissenschaften suchte er Antworten: «Es geht darum die Umwelt zu nutzen und gleichzeitig zu schützen. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik spielen dabei eine ebenso grosse Rolle wie naturwissenschaftliche Prozesse», sagt der Obwaldner. Am Anfang seines Studiums standen also die grossen systemischen Themen, später fokussierte er sich auf Klimafragen und Vegetation.

Wann kippt das Gleichgewicht?

In seiner Dissertation am Departement für Erd- und Planetenwissenschaften untersuchte er, wie eng Pflanzenwelt und Klima miteinander verflochten sind und was passiert, wenn dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht gerät. In seinen Worten: «Was sind die kritischen Interaktionen zwischen Land, Ozean, Vegetation und geologischen Prozessen, die das Klima der Erde regulieren?» Roggers Blick richtete sich dabei insbesondere auf die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen. Denn sie reagieren nicht nur auf Veränderungen, sie prägen sie auch mit. «Wenn sich die Umwelt verändert, können sich biologische Systeme zu einem gewissen Grad anpassen», erklärt Rogger. Wenn sich das Klima jedoch schneller verändert als sich die Vegetation anpassen kann, verliert sie einen Teil ihrer klimastabilisierenden Wirkung. «Pflanzen binden weniger CO2 und die Erwärmung kann sich zusätzlich verstärken.»

Um herauszufinden, wo diese Grenzen liegen, blickte Rogger tief in die Vergangenheit der Erde. Er verknüpfte Klima- und Vegetationsmodelle mit geologischen Daten – etwa Fossilien – um zu rekonstruieren, wie sich das Klimasystem über Millionen Jahre entwickelt hat und wann solche Kipppunkte in der Vegetation vorkommen können. Damit war er «der Erste, dem es gelang, geografisch spezifische, sich anpassende und ausbreitende Pflanzen in geologische Kohlenstoffkreislaufmodelle einzubeziehen», wie sein Doktorvater Taras Gerya schreibt. Und er betont: «Julian Rogger ist einer der besten Doktoranden, den ich je betreut oder mitbetreut habe, was seine intellektuellen Fähigkeiten, seine wissenschaftliche Selbstständigkeit und die Qualität seiner Doktorarbeit angeht.» So viel Lob muss man aushalten können. «Das sind sehr beeindruckende Worte. Ich fühle mich sehr geehrt», sagt Rogger, «aber es gibt so viele Doktorandinnen und Doktoranden, die extrem gute Arbeit leisten und viel Herzblut reingiessen.»

Wie sich das Klima entwickelt, beschäftigt ihn nicht nur als Forscher, sondern auch als Mensch: «Der Klimawandel ist eine riesige gesellschaftliche Herausforderung», sagt er. «Und die Zeit läuft.» Umso wichtiger sei es, «aus der geologischen Geschichte der Erde etwas über die Grenzen des Klimasystems zu lernen.» Diesen Weg will er weiter verfolgen. «Ich würde gerne eine interdisziplinäre Forschungsgruppe aufbauen und wenn das in der Schweiz klappen würde, wäre das natürlich umso schöner», sagt Rogger. Zurzeit ist der 31-Jährige als Postdoc an der Universität von Bristol tätig, wo er seine Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen Klima, Vegetation und geologischen Prozessen weiterführt.

Balance im Alltag finden

Ausgleich zu seiner Arbeit sucht er im Sport: Beim Umzug nach England war die Hälfte des kleinen Umzugswagens mit Rennvelos belegt – eines von ihm, das andere von seiner Partnerin. «Beim Laufen oder Velofahren kann ich abschalten und den Kopf durchlüften», sagt er. «Das hilft auch um neue Ideen und Perspektiven zu finden.» Anders siehts bei der Musik aus: Da überlege und analysiere er viel, «ähnlich wie in der Wissenschaft.» Hinzu kommt, dass die Wohnungen in England sehr hellhörig seien, da können dröhnende Bässe schnell mal die Nachbarschaft stören. Das wäre wohl nicht im Sinne von Julian Rogger. In seiner Familie habe er nämlich nicht nur eine Affinität zu «faktenbasiertem Denken» mitbekommen, sondern auch den Wert von Empathie. «Wenn jemand ein Problem hat, versucht man zuerst einmal die Situation zu verstehen.»

Das treibt Julian Rogger auch in seiner Forschung an: Nicht nur beobachten, sondern zu verstehen versuchen.

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