Fallbeispiel: Der Herbizid-resistente Raps der Firma Cibus

Die US-Firma Cibus hat eine neue Rapssorte entwickelt, die gegen ein bestimmtes Herbizid resistent ist. In verschiedenen Ländern, inkl. Deutschland, werden Rapspflanzen mit dieser Eigenschaft bereits angebaut, diese wurden entweder mit Transgenese oder Mutagenese hergestellt. Beim Cibus-Raps hingegen wurde die OdM verwendet. Das hat gegenüber den beiden anderen Ansätzen Vorteile: Im Gegensatz zur Verwendung von Transgenese enthält dieser Raps keine fremden Gene und im Vergleich zur Mutagenese, bei der die exakt gleiche Mutation in einem Gen zur Herbizidresistenz geführt hat, ist die Wahrscheinlichkeit für zusätzliche, unbeabsichtigter Veränderungen viel geringer. Die europäische Niederlassung von Cibus hat das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) angefragt, ob ihr Raps als GVO gilt oder nicht – letztlich geht es bei dieser Frage darum, ob dieser Raps in Deutschland angebaut werden kann oder nicht.

Eine Expertengruppe der EU kam bereits 2011 zum Schluss, dass die OdM nicht zu gentechnisch veränderten Organismen führt, sondern der Mutagenese zuzurechnen sei. Die deutsche Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit hatte sich 2012 dieser Meinung angeschlossen. Basierend auf diesen Einschätzungen hat das BLV Cibus mitgeteilt, dass ihr Raps kein GVO sei. Bleibt es bei dieser Einstufung, könnte der Raps bald ohne das spezielle Zulassungsverfahren und die strengen Auflagen für GVO angebaut werden. Gegen diese Einschätzung haben verschiedene Gentech-kritische Organisationen protestiert und formellen Widerspruch beim BLV eingelegt.

Dieses Beispiel zeigt die Problematik des europäischen Prozess-basierten Beurteilungsansatzes auf (die Schweiz kennt einen analogen Ansatz). Die mit OdM und Mutagenese entwickelten Pflanzen weisen die gleiche neue Eigenschaft auf, die auf derselben genetischen Veränderung basiert. Falls die mit OdM entwickelte Pflanze als GVO eingestuft würde, würde sie wesentlich strenger reguliert als die diejenige aus Mutagenese, obwohl die Wahrscheinlichkeit für unbeabsichtigte genetische Veränderungen geringer ist. Würde ein Produkt-basierter Ansatz angewendet, der sich nur an der neuen Eigenschaft orientiert, würden beide Pflanzen gleich behandelt. Bei einem Produkt-basierten Ansatz, der die Sicherheit des Verfahrens mitberücksichtigt, müsste die mit Mutagenese hergestellte Pflanze tendenziell strenger reguliert werden.