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Sustainability Science Forum 2025: Tagungsbericht

Einen gerechten Wandel hin zur Netto-Null-Gesellschaft gestalten

Wie lässt sich der Wandel zur Netto-Null-Gesellschaft so gestalten, dass er fair, breit akzeptiert und ökonomisch machbar ist? Damit haben sich Fachpersonen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am diesjährigen Sustainability Science Forum auseinandergesetzt.

Sustainability Science Forum 2025
Sustainability Science Forum 2025
Sustainability Science Forum 2025Bild: Johan Nöthiger
Bild: Johan Nöthiger

„We are still talking the talk and not yet walking the walk“ – mit diesen Worten eröffnete Sebastian Wörwag das Sustainability Science Forum 2025. Der Rektor der Berner Fachhochschule sieht es als Aufgabe der Bildungsinstitutionen, aktiv zu einem gerechten Wandel beizutragen. Die Berner Fachhochschule war Gastgeberin der von einer breiten Trägerschaft organisierten Tagung. Wörwag begrüsste am 26. November im Eventforum in Bern zusammen mit SCNAT-Generalsektretär Jürg Pfister über 250 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis. Auf dem Programm standen Referate, interaktive Workshops und Diskussionen zu verschiedenen Gerechtigkeitsaspekten der Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft.

Die Klimapolitik unter Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten vorantreiben

Die Ausgangslage aus wissenschaftlicher Sicht ist klar: Um Netto-Null zu erreichen, müssen wir den Treibhausgasausstoss senken und nicht vermeidbare Emissionen durch Negativemissionen ausgleichen. Dafür braucht die Schweiz eine ambitioniertere Klimapolitik. Unter welchen Voraussetzungen dies gelingen kann, zeigte Karin Ingold in ihrer Keynote auf. Die Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern erklärte: In Demokratien ist eine griffige Klimapolitik herausfordernd, da sich Gegner:innen – auch über soziale Medien – relativ einfach mobilisieren und diese bekämpfen können. Auf der anderen Seite vereinfache Partizipation aber die Umsetzung von Massnahmen. Wenn wir an einer Entscheidung teilhaben dürfen, sind wir eher bereit dazu, diese mitzutragen. Staatliche Interventionen müssen gemäss Karin Ingold daher mit innovativen Formen des demokratischen Entscheidens kombiniert werden. Beispiele dafür sind Bürger:innenräte oder «Temperaturfühlungen» – um die Meinung der Bevölkerung vor dem Erarbeiten einer Politikmassnahme abzuholen und in diese einzubeziehen.

Um Fragen der Teilhabe ging es auch in der zweiten Keynote. Aurore Fransolet, Senior Scientist für ökologische Ökonomie an der Université libre de Bruxelles, beleuchtete sozial-ökologische Ungleichheiten in Bezug auf Transformationen hin zu Netto-Null. Sie zeigte auf: Ökonomisch privilegierte Gruppen verursachen nicht nur mehr ökologische Schäden, sondern können die Klimapolitik auch stärker beeinflussen als ärmere Bevölkerungsgruppen. Diese wiederum leiden meist stärker unter Umweltbelastungen und sind negativer von Umweltregulierungen wie beispielsweise Steuern betroffen. Diese Ungleichheiten gilt es laut Fransolet besser zu verstehen und in die Umweltpolitik zu integrieren – in Form von Regulierungen von Privilegien, dem Schutz vor Belastungen und dem universellen Zugang zu umweltverträglichen Alternativen.

Sektoren und Lösungsansätze im Fokus

Um konkrete Lösungsansätzen für einen gerechten Wandel zu beleuchten, standen drei Sektoren im Fokus: Ernährung, Wohnen und Mobilität. Janina Grabs, Professorin für Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Basel, stellte solidarische Modelle im Kaffeehandel vor. Demnach würde ein gerechter Wandel bedeuten, dass Unternehmen die Folgen des Klimawandels nicht auf die Schwächsten der globalen Wertschöpfungskette abwälzen, sondern die Ausfälle von Landwirt:innen mittragen und diese bei der Diversifizierung ihres Einkommens unterstützen. Am Beispiel des Programms eco21 zeigte Nicolas Velebit von Services Industriels de Genève, wie Liegenschaftsverwaltungen Mietende während energetischer Sanierungen begleiten können – von der Planung bis zum Einleben nach der Renovation. Eine solche Begleitung erhöht die Akzeptanz von Sanierungen und senkt den Energieverbrauch. Stéphanie Penher, Geschäftsführerin des Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), setzt sich für eine bezahlbare, klimafreundliche Mobilität ein. Diese bedinge den Ausbau des Fuss- und Veloverkehrs, sowie Tarifanpassungen im ÖV zu Randzeiten und Vergünstigungen für einkommensschwache Personen. So kann ein klimaverträgliches Verkehrssystem zugleich die soziale Gerechtigkeit erhöhen.

Weitere Lösungsansätze und Aspekte eines gerechten Wandels konnten die Teilnehmenden in sechs parallelen Sessions vertiefen. Die Themen reichten von sozialen Innovationen über den alltäglichen Konsum bis hin zu CO2-Speicherung oder Suffizienz. Im Workshop «Justice for Everyday Consumers» konnten die Teilnehmenden zum Beispiel anhand eines Karten-Rollenspiels simulieren, wie sich eine erweiterte CO2-Lenkungsabgabe auf das Konsumverhalten und CO2-Emissionen verschiedener Bevölkerungsgruppen auswirken könnte.

Aus dem Blickwinkel der Justiz, der Unternehmen und des Arbeitsmarkts

Dass die Justiz eine wichtige Rolle im Klimaschutz spielen kann, veranschaulichte Raphaël Mahaim in der zweiten Hälfte der Tagung. Der Anwalt und Nationalrat hatte die KlimaSeniorinnen in ihrer Klage gegen die Schweizer Behörden zu mangelnden Klimaschutzmassnahmen begleitet. Nachdem ihre Klage sowohl erstinstanzlich als auch vom Bundesgericht abgewiesen wurde, hatten die KlimaSeniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) Erfolg. Obwohl die Schweizer Politik das Urteil bis anhin nicht umsetzt, hat der Fall international viel Aufsehen erregt und das Potenzial der dritten Gewalt im Staat aufgezeigt.

Auch bei den Unternehmen liege viel Potenzial, sagt Barbara Dubach, Geschäftsführerin von engageability. Der Wandel hin zu Netto Null brauche grosse Investitionen und sei eine Chance für Start-ups, um neue natur-positive Innovationen zu entwickeln – zum Beispiel in den Bereichen Kreislaufwirtschaft oder regenerative Ernährungssysteme. Innovative Lösungen gebe es bereits viele – für deren Umsetzung brauche es eine Kombination aus den richtigen Anreizen, Planungssicherheit und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

Bei einem gerechten Wandel sind aber auch die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt nicht zu vernachlässigen. Das betonte Michaël Aklin, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt von fossilen Brennstoffen abhängen, gehen auf dem Weg zu Netto-Null verloren. Die neu entstehenden grünen Jobs erhalten nicht automatisch diejenigen Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben. Daher sind laut Aklin flankierende Massnahmen wie Umschulungen und Investitionen in besonders betroffene Regionen zentral für einen gerechten Wandel. Nicht jede Region muss dabei grüne Technologien produzieren. Gefragt ist die gezielte Förderung jener Sektoren, die in den jeweiligen Regionen Potential haben.

Hoffnungsvoll in die Zukunft

Das Sustainability Science Forum 2025 zeigte: Ein gerechter Wandel hin zu Netto-Null bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern bietet auch viele Chancen. Eine weiter zu diskutierende Frage ist, wie die Chancen besser aufgezeigt und kommuniziert werden können. Abschliessende Gedanken zu einer gerechten und klimaneutralen Schweiz teilte der Schriftsteller Jonas Lüscher: Um Hoffnung und Zukunftslust zu finden, müssen wir uns als Gesellschaft einander wieder vermehrt zuwenden.

  • Sustainability Science Forum 2025. Begrüssung durch Sebastian Wörwag, Rektor der Berner Fachhochschule, und Jürg Pfister, Generalsektretär der SCNAT
  • Sustainability Science Forum 2025. Karin Ingold, Universität Bern
  • Sustainability Science Forum 2025. Aurore Fransolet, Université libre de Bruxelles
  • Sustainability Science Forum 2025
  • Sustainability Science Forum 2025
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  • Sustainability Science Forum 2025. Raphaël Mahaim, Anwalt und Nationalrat
  • Sustainability Science Forum 2025. Barbara Dubach, Geschäftsführerin engageability
  • Sustainability Science Forum 2025. Michaël Aklin, EPFL
  • Sustainability Science Forum 2025
  • Sustainability Science Forum 2025. Begrüssung durch Sebastian Wörwag, Rektor der Berner Fachhochschule, und Jürg Pfister, Generalsektretär der SCNATBild: Johan Nöthiger1/12
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  • Sustainability Science Forum 2025. Begrüssung durch Sebastian Wörwag, Rektor der Berner Fachhochschule, und Jürg Pfister, Generalsektretär der SCNAT
  • Sustainability Science Forum 2025. Karin Ingold, Universität Bern
  • Sustainability Science Forum 2025. Aurore Fransolet, Université libre de Bruxelles
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  • Sustainability Science Forum 2025. Raphaël Mahaim, Anwalt und Nationalrat
  • Sustainability Science Forum 2025. Barbara Dubach, Geschäftsführerin engageability
  • Sustainability Science Forum 2025. Michaël Aklin, EPFL
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Sustainability Science Forum 2025. Begrüssung durch Sebastian Wörwag, Rektor der Berner Fachhochschule, und Jürg Pfister, Generalsektretär der SCNATBild: Johan Nöthiger1/12

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