Sicherheit von getesteten Medikamenten

Warum gibt es bei Medikamenten trotz Sicherheitstests immer noch Nebenwirkungen?

Alle Studien führen nur zu einer relativen Sicherheit, und man versucht so gut wie möglich, Risiken abzuschätzen, um ein möglichst sicheres Medikament zu entwickeln. Eine hundertprozentige Sicherheit kann nicht garantiert werden.

Unerwünschte Wirkungen können auch durch die Lebensweise beeinflusst werden. Beispielsweise können bei Patientinnen und Patienten, die sehr viel Alkohol konsumieren, andere Nebenwirkungen auftreten als bei Menschen, die weniger oder gar keinen Alkohol trinken. Zu beachten sind ausserdem mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder mit weiteren Erkrankungen der Patienten.

Auch die genetische Vielfalt der Patienten spielt eine Rolle. Genetische Unterschiede führen dazu, dass der Stoffwechsel von Mensch zu Mensch verschieden ist und ein Wirkstoff unterschiedlich verarbeitet wird. Das kann die Ursache von seltenen Nebenwirkungen sein. Daher kann es im Einzelfall geschehen, dass auch bei bereits registrierten Medikamenten Nebenwirkungen auftauchen, die in den klinischen Studien nicht bemerkt wurden.

Die Sicherheitstests in Tierversuchen sind nur eine erste Stufe von vielen Sicherheitstests vor der Registrierung eines Medikamentes. Danach folgen in klinischen Versuchen weitere Tests an Menschen. Im Tierversuch wird einerseits das Wirkprinzip getestet, um herauszufinden, ob ein Medikament tatsächlich wirkt und wenn ja, wie. Andererseits wird geprüft, ob ein Wirkstoff sicher genug ist, um ihn beim Menschen einzusetzen. Erst nach dieser Testphase wird der Wirkstoff vorsichtig beim Menschen getestet, und wenn er sich in den folgenden klinischen Versuchen an gesunden Menschen bzw. Patientinnen und Patienten als effektiv und sicher erweist, kann man die Registrierung des Wirkstoffs als Medikament beantragen. Dieser Prozess dauert in der Regel viele Jahre.

Labortier in den Händen der Forschung
Bild: Institut für Labortierkunde

Zeigt der Contergan-Fall nicht, dass Tierversuche eine falsche Sicherheit vermitteln?

So gut Tests auch sein mögen, man kann lediglich das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen verringern. Man kann sie aber niemals vollständig ausschliessen. Ende der 1950er und Anfang der 1960er-Jahre kamen viele Kinder mit verstümmelten Beinen oder Armen zur Welt, nachdem ihre Mütter während der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan eingenommen hatten. Thalidomid, der Wirkstoff des Beruhigungsmittels und Schlafmittels Contergan, wurde vor der Markteinführung in den 1950ern an Nagetieren getestet.

Die Schäden, die Contergan in den ersten Wochen der Schwangerschaft den menschlichen Embryonen zufügte, wurden in den Tierversuchen nicht entdeckt. Damals wurde noch nicht standardmässig an trächtigen Tieren getestet. Kurz nach dem Contergan-Skandal wurden Versuche an trächtigen Kaninchen gemacht, bei denen es genau zu den Missbildungen kam, die beim Menschen aufgetreten waren.

Wäre Thalidomid bereits im Tierversuch an trächtigen Tieren getestet worden, hätte man die Veränderungen an den tierischen Embryonen also höchstwahrscheinlich bemerkt und dadurch gewusst, dass die Substanz diese schlimmen Effekte auf Embryonen verursacht. Solche (teratologischen) Tests sind heutzutage ein vorgeschriebener Teil der vorklinischen Entwicklung eines Medikamentes.

Im Zellversuch ist Thalidomid weder toxisch, noch verändert es das Erbgut. Mit den Alternativmethoden, die heute zur Verfügung stehen, wären die Missbildungen wahrscheinlich ebenfalls nicht entdeckt worden. Dies erklärt auch, warum es nicht ganz ohne den Einsatz von Tieren geht.