Lassen Sich die Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen übertragen?

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Bild: O. Cafiero

Sollte man nicht besser direkt am Menschen testen, ob ein Medikament wirkt?

Um die Sicherheit für den Menschen zu erhöhen, sind Tierversuche notwendig; unter der Voraussetzung, das Wohl des Tieres bestmöglich zu respektieren. In der Deklaration des Weltärztebundes, die in Helsinki 1964 verabschiedet wurde, ist klar festgelegt, dass es unethisch ist, neue Therapien direkt an Menschen zu erproben. Die Helsinki Deklaration ist das Fundament vieler nationaler Gesetze zur biomedizinischen Forschung.

Die Wirkung neuer Medikamente wird zum Beispiel an humanen Zelllinien untersucht und dann in Tierversuchen auf die Wirkung und auch auf die Sicherheit im Organismus getestet. Wenn sie zeigen, dass das Risiko gering ist, kann der Wirkstoff im klinischen Versuch auch bei Menschen untersucht werden.

Tierversuche werden oft an Tieren durchgeführt, die künstlich krank gemacht werden. Medikamente sollen kranken Menschen helfen. Kann die Wirkung an künstlich krank gemachten Tieren überhaupt mit der an natürlich erkrankten Menschen verglichen werden?

Ja, denn auch wenn eine Krankheit bei einem Versuchstier künstlich ausgelöst wird, laufen die einzelnen Prozesse in der Regel genauso ab, als wenn die Krankheit von selbst ausgebrochen wäre. Deshalb sind Rückschlüsse auf die Situation beim Menschen möglich. Oft wird im Versuch nur ein Teil der Erkrankung beim Tier ausgelöst, was helfen kann, den Verlauf und die Mechanismen einer Erkrankung zu verstehen. Hier spielen auch genetisch veränderte Mäuse eine immer wichtigere Rolle in der Forschung.

Reagieren Tiere gleich auf Medikamente wie Menschen?

Auf einige Medikamente reagieren Tiere gleich, auf andere anders als der Mensch. Nicht jede Tierart reagiert vollkommen gleich, so wie auch nicht alle Menschen vollkommen gleich auf alle Medikamente und Behandlungen reagieren. Die Vergleichbarkeit ist aber genügend gross, dass man auf allgemeine Wirkprinzipien und Nebenwirkungen schliessen kann.

Es gibt viele Medikamente, die sowohl in der Humanmedizin als auch der Veterinärmedizin gleich angewendet werden. In vielen Tierarzneimitteln ist derselbe Wirkstoff enthalten wie in den entsprechenden Präparaten für die Humanmedizin. Beispiele dafür sind verschiedene Antibiotika, das Schmerzmittel Buprenorphin, die Narkosemittel Propofol und Isofluran, Insulin, das Beruhigungsmittel Valium, das Mittel gegen Herzinsuffizienz Benazepril, Carbimazol, das die Funktion der Schilddrüse reguliert oder etwa Levothyroxin zur Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion.

Es gibt bei bestimmten Wirkstoffen Unterschiede vor allem in der Verträglichkeit, die zwischen verschiedenen Tierarten oder sogar Rassen der gleichen Art auftreten. So sollte etwa der gegen Parasiten wirksame Wirkstoff Permethrin nicht bei der Katze angewendet werden – für sie kann er giftig sein. Bei Hunden ist es dagegen ein häufig verwendetes Mittel. Viele Collies (und ähnliche Rassen) reagieren auf das Narkosegas Isofluran überempfindlich, während es bei anderen Hunderassen unbedenklich verwendet werden kann.

Aufgrund dieser Unterschiede müssen Wirkstoffe für den Einsatz am Menschen an mindestens zwei Tierarten, an Nagetieren und Nicht-Nagern getestet werden, bevor klinische Studien im Menschen durchgeführt werden dürfen.

Warum erforscht man Krankheiten des Menschen an einem Tier, wenn beide zwei völlig unterschiedliche Wesen sind?

Human- und Veterinärmedizin haben sehr viel gemeinsam. So gut wie jede Krankheit, die beim Menschen vorkommt, gibt es in derselben oder einer ähnlichen Form auch bei Tieren und wird auch im Prinzip gleich behandelt. Darüber hinaus sind viele chirurgische Eingriffe bei Mensch und Tier sehr ähnlich wie etwa Kreuzbandoperationen bei Menschen und Hunden.

Krankheiten, die sich Mensch und Tier teilen:

  • Allergien, wie etwa gegen Hausstaubmilben und Gräser: Hunde, Katzen, Nager, Kaninchen
  • Grauer Star: Hund, Katze, Nager, Kaninchen
  • Schwerhörigkeit, Taubheit: Hund, Katze
  • Karies: Hund, Katze
  • Asthma: Katze
  • Anaphylaktischer bzw. allergischer Schock: alle Tierarten
  • Magengeschwür: Hund, Katze
  • Bauchspeicheldrüsenentzündung: Hund, Katze
  • Brustkrebs: Hund, Katze, Heimtiere
  • Gebärmutterentzündung: Hund, Katze, Nager, Kaninchen
  • Blasenentzündung: Hund, Katze, Nager, Kaninchen
  • Niereninsuffizienz: Hund, Katze, versch. Nager
  • Immunschwächekrankheiten, die durch Viren verursacht werden: Katze, Affen
  • Kardiomyopathien und andere Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz: Hund, Katze, Nager, Kaninchen
  • Schilddrüsenunter-und -überfunktion: Hund, Katze
  • Harnsteine: Hund, Katze, Kaninchen
  • Krebs verschiedener Organe: alle Tierarten
  • Entzündungen verschiedener Organe: alle Tierarten
  • Epilepsie: Hund, Katze, Rennmaus
  • Diabetes mellitus: Hund, Katze, verschiedene Nager – ein grosses Problem bei Chinchillas
  • Altersdemenz: Hund, Katze
  • Verschiedene Entzündungen und infektiöse Krankheiten wie Toxoplasmose, Borreliose, Salmonellose, Tuberkulose etc.

Der Mensch bekommt Krankheiten, die auch stark durch die Lebensweise verursacht werden, wie etwa Herzinfarkt oder Diabetes. Macht es da Sinn, Versuche an Tieren zu machen?

Viele Krankheiten sind multifaktoriell; mehrere Umstände kommen zusammen und lösen die Krankheit aus. Weil verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, muss man bei der Behandlung jeden einzelnen dieser Faktoren in Betracht ziehen, um zu einer ganzheitlichen Behandlung zu kommen.

Krankheiten lassen sich nicht immer mit der richtigen Lebensweise verhindern. Menschen, die in ihrem Leben nie geraucht haben, bekommen Lungenkrebs, junge, sportliche Menschen Diabetes oder sterben an einem Herzinfarkt.

Oft ist ein bestimmtes Gen oder ein Bestandteil des Stoffwechsels für eine Krankheit mit verantwortlich. Auch um die Entstehung von Krankheiten zu verstehen sind standardisierte Versuche an Tieren notwendig. Sie helfen die feinen Unterschiede wahrzunehmen, die einen entscheidenden Einfluss auf die Krankheit haben können.